Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Rezensionen 485 Gergely András Széchenyi eszmerendszerének kialakulása [Die Ausbil­dung des Ideensystems Széchenyis] (Értekezések a történeti tudományok köréből. Uj sorozat 62 [Aufsätze aus dem Bereiche der Geschichtswissenschaf­ten NF 62]). Akadémiai Kiadó, Budapest 1972. 177 S. Die faszinierende Persönlichkeit des „größten Ungarn“, um mit Kossuth zu sprechen, scheint sich im gegenwärtigen Ungarn wieder geltend zu ma­chen. Zwei Jahre nach der Aufführung eines Fernsehspiels im Herbst 1971 mit dem Titel Széchenyis Ermordung, das heftige Diskussionen unter Publizisten, Historikern und Literaten hervorrief, brachte ein führendes Budapester Theater das Stück eines jungen Schriftstellers Széchenyi und die Schatten heraus, das sich ebenfalls auf den letzten Lebensabschnitt des großen Reformers in der Döblinger Nervenheilanstalt konzentriert. Im September 1973 wurde in Anwesenheit hoher Partei- und Regierungs­funktionäre in einem restaurierten Flügel des Familienschlosses der Széchenyi in Nagycenk (Zinkendorf) eine Széchenyi-Gedenkstátte eröff­net. Auch Aufsatzwettbewerbe für Mittelschüler geben der Erforschung der vielfältigen Tätigkeit Széchenyis neuen Auftrieb. Die marxistische Geschichtsforschung, die sich verständlicherweise zunächst vorwiegend mit Kossuth und dem revolutionären Vermächtnis des Jahres 1848 befaßte, begann sich um 1960, hundert Jahre nach seinem Selbstmord, gründlicher mit Széchenyi zu beschäftigen. Auf einen eher bescheidenen Einzelband mit ausgewählten Schriften Széchenyis, den István Barta herausgab (1959), folgten eine rechtswissenschaftliche Studie von Márton Sarlós (1960), eine Széchenyi-Bibliographie für den Zeitraum 1851—1918 von Zoltán Varga (1963) und einige informative Artikel von Domokos Kosáry, István Orosz und Lorant Tilkovszky über verschiedene Einzel­aspekte des Oeuvres Széchenyis, u. a. seine Ansichten über die interna­tionale Lage Ungarns nach 1849, seine Haltung zur Bodenreform und seine Beziehungen zu seinem Gutsdirektor und ehemaligen Lehrer János Lun- kányi (Liebenberg). Das wichtigste Werk in diesem Zusammenhang ist György Spiras anregende und umfassende Monographie über Széchenyis Rolle in der Zeit, die sich von der Märzrevolution 1848 bis zu seinem gei­stigen Zusammenbruch im September des gleichen Jahres erstreckt. Das hier besprochene Buch ist eine Erweiterung der Dissertation des Autors aus dem Jahre 1970. Es konzentriert sich auf die Entwicklungs­jahre des jungen Széchenyi und auf das erste Jahrzehnt seiner öffent­lichen Tätigkeit und verfolgt die Entwicklung seiner Ideen bis etwa 1835. Da es die erste marxistische Interpretation ist, die versucht, der viel­fältigen Problematik der Jugendzeit Széchenyis auf wissenschaftliche Weise gerecht zu werden, handelt es sich in gewisser Hinsicht um eine Pionierleistung. Besonders pikant wirkt die Hervorhebung der Ideen und der geistigen Triebkräfte anstelle der sozio-ökonomischen Faktoren. Das hier gebotene Amalgam aus „Ideengeschichte“ und gemäßigtem Marxis­mus ist keineswegs abschreckend. Das Werk zerfällt in vier Hauptteile. Im Rahmen einer Biographie ana­lysiert der erste Abschnitt (1791—1819) die Bedeutung der Familientradi­tion, des Militärdienstes, der Liebesabenteuer, der Auslandsreisen und der

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