Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
486 Literaturberichte Begegnung mit der Romantik, wobei vor allem die komplexen Einflüsse von seiten des Vaters, Franz Széchenyi, und die ganz Europa erfassende Byronbegeisterung betont werden. Der zweite Abschnitt (1820—1827) beschreibt eine Zeit des Suchens nach dem eigenen Ich: die Entdeckung Ungarns, die Freundschaft mit Baron Nikolaus Wesselényi und die Beziehungen zu Metternich, Széchenyis problematische Liebe zu seiner Schwägerin Caroline O’Meade und zu seiner künftigen Gattin, der Gräfin Crescence Seilern-Zichy, sowie philosophische Reflexionen zu religiösen und nationalen Fragen bilden dabei die markantesten Punkte. Der dritte Abschnitt (1828—1833) konzentriert sich auf die drei programmatischen Hauptwerke Hitel (Über den Credit), Világ (Licht) und Stádium (Stadium) unter dem Blickwinkel der Notwendigkeit, den ungarischen Ständestaat in sozialer Hinsicht umzugestalten. Das Schlußkapitel bemüht sich, die Wechselbeziehung in den wirtschaftlichen und politischen Konzeptionen Széchenyis, sowie in seinen Auffassungen von Nation und Fortschritt der Menschheit und der Rolle, die dem Individuum in diesem Gefüge zukommt, methodisch zu ordnen. Der Rezensent hat Gs Arbeit äußerst instruktiv gefunden. Wie der Autor meint auch er, daß Széchenyi sein sogenanntes Ideensystem nicht systematisch entwickelt hat. Vielmehr sind seine Gedanken über seine sämtlichen, sehr umfangreichen Schriften verstreut, und dies wirft äußerst schwierige Probleme auf. Der Rezensent begrüßt auch den Versuch einer Differenzierung zwischen Széchenyis wertorientiertem System philosophischer, religiöser und moralischer Ideen und deren phänomenologischer Genese einerseits und seinen politischen Anschauungen, in denen sich die Ziele und Methoden seines politischen Handelns spiegeln, andererseits. Zwar treffen sein Ideen- bzw. Wertsystem und seine politischen Ansichten in der komplexen Persönlichkeit des „größten Ungarn“ zusammen, doch sind sie keineswegs identisch, und die Beziehungen zwischen ihnen werden bei G. nicht hinreichend geklärt. Dies gilt nicht nur hinsichtlich einer wünschenswerten weiteren Aufhellung der rationalen und irrationalen Motive des Nationalismus Széchenyis, wie von dem ungarischen Historiker Mihály Lackó angeregt wurde, sondern auch bezüglich der manchmal ambivalenten Kontakte Széchenyis zu einem anderen „philosophischen Staatsmann“, nämlich Metternich, auf deren Bedeutung Julius Viszo- ta und in jüngster Zeit Denis Silagi (MÖStA 20 [1967] 545 ff) hingewiesen haben. Im großen und ganzen ist jedoch die kritische Verarbeitung der immensen ungarischen Széchenyi-Literatur durch den Autor ebenso bewundernswert wie seine scharfsinnige Auswertung einiger bisher noch nicht herangezogener Archivquellen, wie etwa gewisser Teile der unveröffentlichten Korrespondenz Széchenyis. Selbstverständlich stellen sich Interpretationsprobleme, über die sich diskutieren ließe. Bei Erwähnung des „Tugendbundes“ mit Wesselényi und Michael Esterházy könnte man eine deutlichere Herausarbeitung des Einflusses Benjamin Franklins erwarten. Auch ließen sich einige offensichtliche Inkonsequenzen aufzeigen, die sich in den sonst interessanten Parallelen zwischen den beiden Széchenyi, Franz und seinem Sohn Stefan, finden. Ebenso könnte man die Hypothese anzweifeln, die Gründung