Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Sammelreferate 471 doch eine klarere Linie bewahrt werden und das speziell oder vorwiegend sozialgeschichtliche Fach sauber abgegrenzt bleiben. Diese Mahnung gilt auch für die vorzügliche Studie von Bergwitz, die vom Institut für Sozialgeschichte in Braunschweig veröffentlicht wurde und die sich mit der Geschichte des Widerstands befaßt, d. h. vor­wiegend zeitgeschichtlich und nur am Rande sozialgeschichtlich orientiert ist. Der Herbst 1944 brachte den eigentlichen Höhepunkt der italienischen Widerstandsbewegung. In den Alpen und im Apennin entstand eine Reihe von Partisanenrepubliken, deren bedeutendste Ossola, Alto Mon- ferrato und Carni a waren. Von diesen dreien stand an erster Stelle eben das Ossolatal mit seiner Bevölkerungszahl und seiner wirtschaftlichen und politischen Struktur und dem Hauptort Dinodossola, nahe der Schweizer Grenze. In diesem Gebiet war schon im Herbst 1943 verfrüht eine große Parti­sanenerhebung ausgebrochen, die von den Nazis und Faschisten nieder­gerungen werden konnte. Weiterhin konnte jedoch eine Untergrundbewe­gung die Machthaber in Atem halten, und im Herbst 1944, zu einem Zeit­punkt, als Italien bereits in zwei gleich große Teile aufgeteilt war und die Alliierten von allen Seiten näher kamen, konnte für kurze Zeit ein revolutionäres antifaschistisches Gemeinwesen errichtet werden, das von einer provisorischen Junta regiert wurde. B. schildert nun ausführlich die Geschichte dieser wenigen Wochen, die Beziehungen zur allgemeinen italienischen Befreiungsbewegung, den Auf­bau der Verwaltung und die Probleme der Versorgung. Zur Schweiz wur­den regelrechte Handelsbeziehungen aufgenommen. Ein freies Parteiwe­sen konnte sich entfalten, und die Massenorganisationen traten in Erschei­nung, wobei das Mißtrauen gegen die Kommunisten deutlich zu merken war. Der Partisanenstaat fand auch Aufmerksamkeit in der ausländischen Presse. Das Hauptproblem war die Aufrechterhaltung der militanten Partisanenformationen und deren Versorgung. Infolge der mangelhaften Unterstützung durch die Alliierten konnte das Gebiet nach sechs Wochen von den Nazis und Faschisten zurückerobert werden. Den meisten Parti­sanen gelang die Flucht in die Schweiz oder in den Untergrund bis zur endgültigen Befreiung. In die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg führt uns die aus einer Seminararbeit hervorgegangene Dissertation von Walch aus der Salz­burger Schule; sie behandelt die materielle Wiedergutmachung an Juden durch die Republik Österreich. Die Studie stützt sich vornehmlich auf die Literatur und die Originaldokumente des Hilfsfonds, die jetzt als Depot im Österreichischen Staatsarchiv verwahrt werden. Der Vf. gibt eingangs einen Überblick über die materiellen Verluste der Juden Österreichs unter der deutschen Herrschaft, die tatsächlich ein starkes Element der kapitalistischen Struktur Österreichs vor 1938 bildeten. Bei den Verhand­lungen mit den Regierungen der Zweiten Republik ergaben sich Wider­stände, die im einzelnen und im gesamten kein Ruhmesblatt unserer jüngsten Geschichte darstellen. Nicht nur die Abneigung der unmittelbar betroffenen Ariseure, die zu erwarten war, spielt hier mit, sondern auch vielfach eine kleinliche Gesinnung der amtlichen Stellen.

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