Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte
470 Literaturberichte te Gefahr für den Anschluß an das Dritte Reich erkannte. Als gemäßigter Nationaler war er auch in den Kreisen des autoritären Regimes früh bekannt und gesucht und als solcher wurde er immer bei Kontakten herangezogen. Nach dem mißglückten Juliputsch fürchtete er verhaftet zu werden und übte größere Zurückhaltung, umso mehr, als sich innerhalb der österreichischen illegalen NSDAP Zersetzungserscheinungen bemerkbar machten. Dank der Politik Schuschniggs konnten die Nazis jedoch diese Krise bald überwinden, und Seyss-Inquart gelang es, sich in den Konkurrenzkämpfen der konzilianten Nationalen immer mehr nach vorne zu schieben. Mit dem Juli-Abkommen von 1936 eröffneten sich neue Möglichkeiten, die er vorsichtig auszunützen verstand. Bei allen Aktionen der Nazis erschien er aber immer nur als Randfigur, bis ihn das Berchtesgadener Abkommen an die Spitze rief. Hier begann er nun jene Rolle zu übernehmen, die ihn in den Märztagen 1938 als williges Werkzeug der Deutschen, als ersten Quisling abstempelte. Seine raketenhafte Parteikarriere half ihm jedoch nicht über Enttäuschungen hinweg, die ihm und den anderen österreichischen Nazis nach der Angliederung bereitet wurden. Die im Anhang wiedergegebenen Dokumente seiner Auseinandersetzung mit Bürckel geben dem beredten Ausdruck. R. hat uns mit seiner Arbeit vor allem durch die lebendige Darstellung eine interessante, sorgfältig dokumentierte und gut lesbare Studie vorgelegt, die freilich vom Persönlichen her geprägt wurde und uns vor allem wegen der Außerachtlassung der wirtschaftlichen Momente keine vollständige Erklärung des Phänomens Anschluß bieten konnte. Über diesen Anschluß hat ein Assistent Stadlers in Linz eine vorwiegend verwaltungsgeschichtliche Untersuchung veröffentlicht, die sich in den Anfängen mit R.s Ergebnissen deckt, aber zeitlich über diese hinausführt. Botz weist nach, daß der Anschluß im Detail keineswegs klar konzipiert war, daß aber grobe Zielvorstellungen schon lange bestanden, die nicht terminisiert im März 1938 plötzlich zum Tragen kommen sollten. B. blickt zunächst noch einmal zurück auf die Anschlußmodelle vor den Nazis seit 1918. Im Jahr 1938 traf dann der Anschluß mit der ausständigen Reform im Reich zusammen. Wichtig wurde der Entscheidungsprozeß im Mai dieses Jahres, wobei verschiedene Komponenten in Österreich wie im Altreich zusammenwirkten. Der Vf. geht ausführlich auf die Vorbereitung des Ostmarkgesetzes und die Einführung der Reichsgauverfassung in Österreich ein. Bezeichnend ist dabei die Personalpolitik, für die die Besetzung der Gauleiterstellen charakteristisch ist. Dies wird vor allem auch in den Dokumenten des Anhangs illustriert. Die Gleichschaltung vollzog sich stufenweise aber zielstrebig: Auf die Phase der Personalunion folgte die Integrierung der „Ostmark“ als ganzes, dann ihre Auflösung in die historischen Einheiten und zuletzt auch deren Zerschlagung. An dieser ausgezeichneten Studie stört nur die Aufnahme in eine Reihe, die der Geschichte der Arbeiterbewegung gewidmet ist. Wenn auch dem Herausgeber beizupflichten ist, wenn er im Vorwort auf die enge Verflechtung der Arbeiterbewegung mit der Zeitgeschichte hinweist, müßte