Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)
KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“
Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges 453 Ganz wichtig erscheint mir, daß Bilinski in seinen Äußerungen zum Gegenstand u. a. drei wesentliche Tatsachen berichtet, die damals nicht bekannt waren. Erstens erklärt er am 21. Jänner 1915 gegenüber Kanner, daß das Juliultimatum an Serbien nicht auf den ungarischen Ministerpräsidenten Graf Tisza zurückgehe: Berchtold sei ja immer sehr schwach gewesen, und er habe ihm manchmal aus seiner Schwäche Vorwürfe gemacht. Aber gerade in jenen Tagen sei er zu seiner Freude unerschütterlich stark geblieben, und das Ultimatum sei sein Werk. „Wie wir das beraten haben, ich war ja doch dabei, am 17. Juli, haben wir ja alle gewußt, daß das den Krieg bedeutet..14). Zweitens legt Bilinski dar, daß der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand während der Balkankrisen eine ausgesprochene Friedenspolitik verfolgte, wie dies u. a. auch aus von Jedlicka und Hantsch veröffentlichten Dokumenten und den von mir veröffentlichten Korrespondenzen des Erzherzogs mit Berchtold während der Balkankriege und mit dem deutschen Kaiser von 1908 bis 1913 hervorgeht15). Diese Politik stand aber, wie sich auch wiederum aus zahlreichen Quellen ergibt, vielfach im Gegensatz zur offiziellen Politik und, wie selbst aus den von Hantsch zitierten Tagebüchern Berchtolds zu ersehen ist, im Oktober 1913 sogar in direktem Gegensatz zur kaiserlichen Politik. Schließlich hat Bilinski auch völlig zutreffend die verfehlte Taktik Burians in den Verhandlungen mit Italien im Winter 1915, die dessen Eintritt in den Krieg verhindern sollten, kritisiert16). Man kann wohl ausschließen, daß Bilinski trotz seiner charakterlichen Schwächen in den Unterredungen mit Kanner in einer Reihe von Punkten durchaus richtige Informationen gegeben hat und andererseits in einer so wichtigen Angelegenheit wie des Kaisers Anschauungen zur Frage des Kriegsausbruchs dreimal, 1915, 1916 und 1917, und zwar in jedem Falle noch dazu über mehrfaches Befragen, fast wörtlich dasselbe gesagt und dabei gelogen hätte. Seine Aussagen hätten ihm vor dem Zusammenbruch von 1918, wo wegen der Kriegszensur an eine Veröffentlichung nicht zu denken war, nichts genützt. Nach 1918, zur Zeit, da ihm ein Angriff auf den Kaiser in Polen zum Vorteil gereicht hätte, hat er geschwiegen. Daß Bilinskis Darstellung der kaiserlichen Haltung im einzelnen irrig gewesen sein mag, ist nicht wahrscheinlich, aber natürlich möglich, doch wird sie im Grundsätzlichen durch die Erinnerungen Conrads und ein Interview mit dem früheren Kriegsminister von Auffenberg vom 2. Jänner 1917 17) bis zu einem gewissen Grade unterstützt. Im übrigen ist mir n) Ebenda 11. 15) R. A. Kann Emperor William II and archduke Francis Ferdinand in their correspondence in American Historical Review 17/2 (1952) 323—351 und dsbe Erzherzog Franz Ferdinand und Graf Berchtold als Außenminister 1912—1914 in MÖStA 22 (1969) 246—278. 16) Kann Kaiser Franz Joseph 20—23. 17) Ebenda 14 f.