Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“

454 Robert A. Kann vor einigen Monaten, ohne jeden Zusammenhang mit der hier behandel­ten Rezension, ungarisches archivalisches Material, und zwar Äußerungen Berchtolds und Burians, die sich auf die kaiserliche Haltung beziehen, zur Kenntnis gebracht worden, das meine Anschauungen noch viel weiterge­hend und selbst für mich überraschend unterstützten, dessen Veröffentli­chung ich aber loyalerweise anderen überlassen will. Ich stütze mich hier aber keineswegs auf den großen Unbekannten, sondern ausschließlich auf veröffentlichtes Material und zwar das in meiner Untersuchung behan­delte oder zitierte, um meine Schlußfolgerungen in vollem Maße aufrecht zu halten. Ich bin fest davon überzeugt, daß die Äußerungen Bilinskis in gutem Glauben gemacht und von Kanner in gutem Glauben aufgezeichnet wurden. Mögliche aber unwahrscheinliche Irrtümer im einzelnen, die man natürlich nicht ausschließen kann — negativa non sunt probanda —, können an dieser Auffassung nichts ändern. Es ist meine, wie ich glaube, wohl begründete Auffassung, daß die Äußerungen Bilinskis durch eine reiche Dokumentation gestützt werden. Wenn ich dies sage, bezichtige ich nun den alten Kaiser keineswegs der „Kriegslüsternheit“. Ich spreche im Gegenteil in meiner Abhandlung von dem tiefen Respekt „vor persönlicher Würde und Integrität“, die „beim alten Kaiser gewiß außer Streit stehen“. Ich sage weiters: „Von der Schuldfrage ... in bezug auf die Haltung des Kaisers ist hier über­haupt nicht die Rede, und kann es im Hinblick auf die Art und Weise der ihm gegebenen Informationen“ — und damit meine ich u. a. Berchtold, Conrad und Krobatin — „auch gar nicht sein“ 1S). Ich stimme völlig mit dem Rezensenten darin überein, daß derartige Faktoren in der Außen­politik der letzten Vorkriegsjahre eine wesentliche Rolle gespielt haben. Eindeutige Hinweise darauf finden sich in meiner Studie. Sie näher aus­zuführen, war nicht meine Aufgabe. Zur Diskussion stehen lediglich die Entscheidungsgewalt des Kaisers und ihre Motive, die bei der Behandlung der Julikrise von 1914 gemeinhin völlig außer Acht gelassen werden. Daß ich annehme, der Kaiser hätte das Kriegsrisiko mit Rußland auf sich genommen, gleichzeitig aber seine persönliche Schuld negiere, sieht der Rezensent schließlich als „eine eher sophistische Unterscheidung“ an 19). Ich kann in meiner Auffassung keinen Widerspruch finden. Der Kaiser war, wie er durch seine Verabschiedung Conrads im Jahre 1911 unter Beweis stellte, ein entschiedener Gegner des Präventivkrieges. Im Juli 1914 war er, offensichtlich auf Grund zum Teil falscher Informationen, überzeugt, daß eine direkte und unmittelbare Bedrohung, nicht nur der Großmachtstellung, sondern der Existenz der Monarchie vorlag. Diese An­nahme war zumindest auf kurze Sicht gesehen irrig, und die auf Grund dieses kaiserlichen Irrtums getroffenen Maßnahmen dementsprechend un­!8) Ebenda 23. i«) Neck Erster Weltkrieg 497.

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