Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“

452 Robert A. Kann die, daß nach Kanner der Kaiser den Krieg als eine Art Rache für König- grätz ansah 12). Dem gegenüber ist freilich zu erwägen, daß Kanner als durchaus ehren­hafter Journalist von bedeutendem Format angesehen wurde, der als Pio­nier auf dem Gebiet der Erforschung der Kriegsschuldfrage galt und als solcher in der internationalen Literatur auch vielfach zitiert wird. Er hat insbesondere in seinem Buch Kaiserliche Katastrophenpolitik von 1922 als erster sehr wichtige Schlüsse gezogen. Zweifellos sind ihm andererseits hier wie auch in anderen Schriften Irrtümer unterlaufen, die aus der hi­storischen Situation von Pionierwerken und dem Mangel an historischer Ausbildung des Verfassers leicht zu verstehen sind. Selbst wenn man Kanner aber den guten Glauben abspricht, wozu meiner Ansicht nach durchaus kein Grund besteht, so wäre es absurd gewesen, eine dreimalige Äußerung des Ministers, die auf Befragen noch wiederholt wurde, zu verfälschen. Wurden doch die Aufzeichnungen zweifellos mit der Absicht auf spätere Veröffentlichung hin abgefaßt. Wenn man Kanner die Gut­gläubigkeit abspricht, stempelt man ihn damit nicht nur zum Verbrecher, sondern auch zum Irrsinnigen. Ich behaupte keineswegs, daß der Rezen­sent diese Ansicht vertritt. Im Hinblick auf die mehrfache Wiederholung derselben Frage zu verschiedenen Zeitpunkten halte ich aber auch Irrtü­mer in der Wiedergabe der Bilinskischen Äußerungen durch Kanner für zumindest höchst unwahrscheinlich. Wesentlicher ist natürlich der Fall Bilinski. Wie gleichfalls von mir mit ziemlicher Ausführlichkeit dargelegt wird, stellte er den Typus eines ge­schickten und einigermaßen opportunistischen Führers des Polenklubs dar, der nicht den Ruf eines aufrechten Staatsmannes oder Charakters von großem Format genoß13). Ich habe auch weiters bemerkt, daß Bilinski die hier herangezogenen Äußerungen in seinen ein Jahr nach seinem Tode in Polen 1924 veröffentlichten Memoiren nicht erwähnt und daß damit ein Umstand zur weiteren Erhärtung seiner Aussagen wegfällt. Daß Bilinski die kaiserliche Haltung in seinen Erinnerungen nicht erwähnt, scheint mir aber durchaus verständlich. Er selbst hat den alten Kaiser besonders ver­ehrt und war, wie wir aus unbestreitbaren Quellen wissen, persönlich ein Anhänger des harten Kurses gegen Serbien. Vermutlich wollte er den Kaiser in seinen Erinnerungen nicht in die Kriegsschuldfrage hineinzie­hen. Hier berühren wir nun einen wesentlichen Punkt. Die Äußerungen Bilinskis zu Kanner sind im Zusammenhang gesehen durchaus in Vertei­digung der kaiserlichen Politik gemacht worden. Wenn er sie nach 1918 in der polnischen, der Habsburgischen Monarchie feindlichen Öffentlich­keit nicht entsprechend frisiert wiederholt hat, so zeigte er sich zumindest in diesem Punkt nicht als Opportunist. 12) Kann Kaiser Franz Joseph 6 ff. 13) Ebenda 9 ff, 19—22.

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