Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)
BROUCEK, Peter: Kronprinz Rudolf und k. u. k. Oberstleutnant im Generalstab Steininger. Eine kleine Ergänzung zur Mitis-Biographie
Kronprinz Rudolf und k. u. k. Oberstleutnant im Generalstab Steininger Eine kleine Ergänzung zur Mitis-Biographie Von Peter Broucek (Wien) Vertrauliche und mehr oder weniger offenherzige Briefe haben zu allen Zeiten dem Historiker die Zeichnung des Charakterbildes einer Persönlichkeit erleichtert. Liegt ein besonders reger Briefwechsel mit den verschiedensten Korrespondenten vor, der zumindest für einen bestimmten Zeitabschnitt eine Dichte erreicht, die verschiedene Tätigkeitsbereiche oder Facetten eines Menschen scharf beleuchten, so ist dadurch für die Motivation mancher Ereignisse unter Umständen eine besonders günstige Quellenlage erreicht: dann nämlich, wenn dem Briefschreiber und -emp- fänger an bestimmten Wendepunkten der politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Entwicklung wesentlicher Einfluß oder außergewöhnliche Einsicht beizumessen sind. Hie und da vermittelt aber auch ein einziger erhaltener Brief ein bezeichnendes Schlaglicht — zumindest auf eine momentan herrschende Stimmung. Dies dürfte bei einem nunmehr zur Veröffentlichung gelangenden Schreiben des Kronprinzen Rudolf an Oberstleutnant Karl von Steininger der Fall sein'). Bezeichnenderweise ist es das bisher unbekannt gebliebene Gegenstück zu einem Antwortschreiben des damaligen Militärbevollmächtigten bei der k. u. k. Botschaft in Berlin, das der „klassische“ Biograph des Kronprinzen, Oskar Freiherr von Mitis, im Anhang seines Werkes zum Großteil bereits ediert hat * 2). Angesichts der niveauvollen Untersuchungen, Editionen und größeren Essays der letzten Jahre zum Leben und vor allem zum Sterben des Kronprinzen braucht auf dessen Person im Rahmen dieser kurzen Abhandlung nicht näher eingegangen zu werden 3). Ein Archivar und Nicht-Kronprinz*) Die Verwalterin des Nachlasses Steininger, die dessen Schriften dem Kriegsarchiv Wien (= KA) zur Aufbewahrung übermittelte, Erika Freiin von Bianchi, gab die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Briefes. Dafür sei ihr hiemit der verbindlichste Dank ausgesprochen. 2) Oskar Mitis Das Leben des Kronprinzen Rudolf. Mit Briefen und Schriften aus dessen Nachlaß (Neuauflage Wien—München 1971) 322—327 (Anhang n. 25). 3) Fritz Judtmann Mayerling ohne Mythos. Ein Tatsachenbericht (Wien 1968); Clemens L o e h r Mayerling. Eine wahre Legende (Wien—München—Zü-