Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)
MIKOLETZKY, Lorenz: Vom Kaiserspital zum Klein-Mariazellerhof. 125 Jahre Hofkammerarchivgebäude
430 Lorenz Mikoletzky Objekte, die ein Durchhaus bildeten (Annagasse 5—Johannesgasse 6) und von 1482 bis 1782 dem Kloster Klein-Mariazell im Triestingtal gehörten. Laut Grundbuch der Stadt Wien gehörte 1405 der an die Johannesgasse stoßende Teil Georg Tirna, später den Herren von Kuenring, dann Friedrich und Stephan von Hohenberg. Den rückwärtigen, an der heutigen Annagasse gelegenen Teil besaß 1453 Michael Dorn, dann Johann von Hohenberg, dessen Halbbruder Stephan das Haus ablöste8). 1482 kamen die Häuser durch eine Schenkung des erzherzoglichen Kanzlers und ersten Kämmerers, Stephan von Hohenberg, an das Stift Klein-Mariazell. In der Schenkungsurkunde vom 19. Juli dieses Jahres, die im Stift Melk aufbewahrt wird, heißt es: „Ich Stephan von Hohenberg habe dem bemelten Gotteshaus geben und gib ihnen meine heuser ze Wienn, aines in der St. Johannesgasse, zunächst des edlen Balthasar Schiffer haus, das ledig und frey ist von allem dienst, das ander in der Pippingerstraße, zunächst des Bern haus, das hinten an das ehegemelte mein hauhs stoßt und darzo gebrochen, daß alles nur ain hauhs ist“ 9 *). Eines der wenigen erhaltenen gotischen Reliefs in der Inneren Stadt erinnert noch an diese Schenkung. Über dem heutigen Archiveingang im Hof sitzt unter einem Baldachin Maria mit dem Jesusknaben, während der links knieende Donator, Stephan von Hohenberg, mit seinem Wappen zu Füßen und seinem Namenspatron sowie anderen Personen hinter sich, den Gebäudekomplex in seinen Händen hält und ihn der Gottesmutter reicht. Rechts vom Beschauer stehen die Mönche und Nonnen des Klosters, um das Haus entgegenzunehmen. In vorderster Position kniet ihr Abt. Am unteren Rand des Reliefs stehen die Worte: „Recordare virgo mater, dum steteris in conspectu dei, ut loquaris pro nobis bona. 1482“. Im Trakt zur Johannesgasse lagen eine Kapelle und die Wohnräume des Abtes, die ihm bei seinen Wien-Aufenthalten als Wohnung dienten. 1615 wurde hier ein neuer Bau errichtet, der bis 1842 stand. 1768 führte man auf dem Grund zur Annagasse ein barockes Gebäude auf, das noch heute existiert. Im Zuge der Klosteraufhebungen unter Kaiser Joseph II. löste man 1783 auch das Kloster Klein-Mariazell auf und übertrug die Verwaltung seines Grundbesitzes dem Abt von Lilienfeld, die des Wiener Hauses dem Stift Kremsmünster. Am 29. Oktober 1798 wurde in Gegenwart von Beamten der niederösterreichischen Regierung einerseits und des Hofmeisters des Stiftes Kremsmünster andererseits der Mariazellerhof dem niederösterreichischen Religionsfonds als Eigentum übergeben und von der Staats8) Vgl. Karl August Schimmer Ausführliche Häuser-Chronik der Stadt Wien (Wien 1849) 189 und G r o n e r Wien 292. 9) Franz Stanglica Aus der Geschichte des Mariazellerhofes (Heute Rechnungshof und Hofkammerarchiv) in Monatsblatt des Vereines für Geschichte der Stadt Wien 18 (1936) 91. — Bei der erwähnten Pippingerstraße handelt es sich um die heutige Annagasse.