Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
FICHTENAU, Heinrich: Archive der Karolingerzeit
22 Heinrich Fichtenau an der ersten Stelle, die auf Aachen deutet: Im Jahre 794 auf der Frankfurter Synode, die im wesentlichen Glaubensfragen behandelte, mußte der einstige Baiernherzog Tassilo III. um Gnade bitten und aller Rache ab- sagen. Über die Sache wurden drei Gleichstücke angefertigt, „unum in palatio retinendum, alium prefato Tasiloni, ut secum haberet in monasterio, dandum, tertium vero in sacri palacii capella recondendum fieri iussit (domnus noster)“ 30). Josef Fleckenstein 31) meinte, „daß eine der drei Urkunden in Frankfurt ,in sacri palacii capella' zu rekondieren war“, während Reinhard Schneider von dem Exemplar, dem die drei Reinschriften entnommen wurden, annimmt, es könne in Frankfurt aufbewahrt worden sein, wo die Synode stattfand 32 33 34). Es ist in der Debatte noch nicht zur Sprache gekommen, daß gerade das Jahr 794 die Verlegung des Königssitzes nach Aachen mit sich brachte, wo Karl der Große von nun an zu überwintern pflegte. Daß man in diesem einen Fall — und nur in diesem — zwei „Pfalz-“ exemplare brauchte, während später eines zur Reponierung genügte, dürfte mit dieser Übergangssituation Zusammenhängen. Am ehesten wäre dann das erste Stück in Frankfurt verblieben (retinendum), das dritte nach Aachen gegangen, wo bereits die „Kapelle“ als räumliche und dingliche Einrichtung vorhanden war. Daß das „Pfalzarchiv“ seinen Platz in der „capella" hatte, vermutet Fleckenstein3S), während Falkenstein S4) unter Verweis auf die Tassilo-Stelle annimmt, die Hofkapelle habe „ein eigenes Archiv“ besessen. Mit „sacrum palacium“ ist an dieser Stelle sicher Aachen gemeint und nicht eine beliebige Pfalz; der römisch-byzantinisch geprägte Ausdruck begegnet in dieser Verwendung auch später. „Recondere" war der „amtliche“ Ausdruck für die Reponierung im (Aachener) Palastarchiv unter Ludwig dem Frommen 35). Solange die Reichseinheit bestand, scheint Aachen der Sitz des „Palastarchivs“ gewesen zu sein, was nicht ausschloß, daß in anderen 30) MGH Capitularia regum Francorum 1 (Hannover 1883) 74 n. 28 § 3. 31) Josef Fleckenstein Die Hofkapelle der deutschen Könige 1 (Schriften der MGH 16/1, Stuttgart 1959) 80 Anm. 256. Frühere Äußerungen zu dieser Stelle gibt Bresslau UL l2 163 Anm. 3 wieder. 32) Schneider Zur rechtlichen Bedeutung 287. 33) Fleckenstein Hofkapelle 80. 34) Ludwig Falkenstein Der „Lateran“ der karolingischen Pfalz zu Aachen (Kölner histor. Abhandlungen 13, Köln—Graz 1966) 164. 33) MGH Capitularia 1, 275 n. 137 (818/819): „in publico archivo recondere, ut successores ... nostra pia facta conservantes ...“ usw. Diplom Ludwigs d. Fr. für St. Denis (832): Mühlbacher Reg.2 905; MGH Concilia II (aevi Karolini I) 2 (Hannover 1908) 686 n. 53 (Kleindruck): „ut illam palatinis scriniis iube- remus recondere ob monimentum ...“. Das Archiv als „reconditorium“ in derselben Urkunde (nicht MGH Cone.); Martin B o u q u e t-Léopold D e 1 i s 1 e Recueil des historiens des Gaules 6 (Paris 1870) 578: „ut una (firmatio) imperialis aulae reconditorio palatinis salvetur excubiis."