Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
PACH, Sigmund Paul: Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Ungarn im 15. und 16. Jahrhundert
Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Ungarn 255 Dreißigstertrag nur nach Einfuhr und Ausfuhr detailliert und uns über die Zusammensetzung des Warenverkehrs keine Auskunft gibt, läßt sich mit Recht voraussetzen, daß die Einfuhrzolleinnahmen vor allem auf den Import von Textilwaren zurückzuführen sind. Etwa zwei Jahrzehnte später berichtet ja auch der Kaschauer Kaufmann Gergely Kalmár in seinem „Regestum“ über seine Krakauer Geschäfte, daß er dort überwiegend Tücher — meistens Breslauer Sorte — erworben habe 51); und auch die Dreißigstbücher der Städte Kaschau, Leutschau, Eperies und Bartfeld aus dem Jahre 1585 — deren Bearbeitung jetzt im Gange ist — beleuchten den vorwiegenden Anteil der Wollstoffe, vor allem der schlesischen Produkte, an der Einfuhr aus Polen 5ä). Der Handelsverkehr zwischen Krakau und Ungarn, der auf eine alte Vergangenheit zurückblickte, ist auch im Verlaufe des 16. Jahrhunderts rege geblieben, seine Warenzusammensetzung hat sich aber einigermaßen verändert. Eine seiner Hauptfunktionen bestand nunmehr darin, nach Ungarn und Siebenbürgen schlesische und mährische Textilien zu vermitteln 53). * In der Periode zwischen der Mitte des 15. und der Mitte des 16. Jahrhunderts sind also im ost-mitteleuropäischen Straßennetz des internationalen Textilhandels und gleichzeitig damit in den Handelsstraßen des ungarischen Tuchimports Verschiebungen eingetreten. Mitte des 15. Jahrhunderts „war Wien der beinahe ausschließliche, privilegierte Ort der Beschaffung der aus Westen importierten Waren nach Ungarn; und neben dem Wiener Markt verschwand sozusagen die Bedeutung der böhmischmährischen, schlesischen und polnischen Märkte im westungarischen Warenverkehr“54). Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ließ die vorherrschende Stellung der Wiener Handelsstraße im westlichen Import Ungarns nach, da die Bedeutung (vielleicht auch der mährischen, gewiß aber) der schlesischen und polnischen Handelswege in der Vermittlung des wichtigsten Einfuhrartikels, des Tuches, zunahm. * 5 sí) Kalmár Gergely deák regestumja kereskedéséről 1574—82 [Die Handelsakten des Gergely Kalmár 1574—82], bearb. v. György Kerekes in Magyar Gazdaságtörténelmi Szemle 10 (Budapest 1903) 72—73. 62) Rohergebnisse der Untersuchungen von Frau Judith Pákh, die sie mir freundlicherweise mitteilte. 5S) Jan M. M a 1 e c k i Die Wandlungen im Krakauer und polnischen Handel zur Zeit der Türkenkriege des 16. und 17. Jahrhunderts in Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Türkenkriege, hg. von Othmar Pickl (Graz 1971) 148—149. — Vgl. Harald Prickler Das Volumen des westlichen ungarischen Außenhandels vom 16. Jahrhunderts bis 1700, ebenda 140, 143. 54) Kováts Korakapitalisztikus gazdasági válság 193.