Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
PACH, Sigmund Paul: Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Ungarn im 15. und 16. Jahrhundert
Zur Geschichte der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Ungarn 245 die Dreißigstbücher aus dem Jahre 1542 sind erst unlängst von G. Ember erschlossen und bearbeitet worden6). Die Geschichtsforschung kann nicht der Aufgabe ausweichen, die von den beiden Quellen (Quellengruppen) gebotenen zahlenmäßigen Daten einer vergleichenden Analyse zu unterwerfen, — selbst dann nicht, wenn die Daten aus dem Jahre 1457—58 sich ausschließlich auf Preßburg beziehen, die aus dem Jahre 1542 hingegen auf eine Reihe von Dreißigstämtern der westlichen Grenze, von Ödenburg (Sopron) über Preßburg bis Skalitz (Szakolca, Skalica), auf Dreißigststellen, die am Außenhandelsverkehr mit sehr verschiedenem Gewicht teilnahmen. Um so weniger kann man dieser Aufgabe ausweichen, als sich zwischen den beiden Quellengruppen nicht nur Ähnlichkeiten, sondern auch unerwartete Unterschiede sehen lassen. Beschränken wir diesmal unsere Aufmerksamkeit nur auf die Importseite des ungarischen Außenhandels, so läßt sich die wichtigste Ähnlichkeit dadurch bezeichnen, daß im Jahre 1457—58 78,76 Prozent der Preß- burger Einfuhr, im Jahre 1542 hingegen 68,67 Prozent der westlichen Einfuhr Webewaren (insbesondere Tuch, daneben auch Leinwand und Kleidungsstücke) ausmachten. Der hervorragende Anteil der Textilien war Mitte des 15. Jahrhunderts — und blieb auch Mitte des 16. Jahrhunderts — das Hauptmerkmal von Ungarns westlicher Einfuhr. Wir stoßen aber auf einen überraschenden Unterschied, sobald wir nicht die Prozentanteile, sondern die absoluten Ziffern derselben Einfuhr unter die Lupe nehmen. Das Dreißigstbuch der Stadt Preßburg aus dem Jahre 1457—58 führt eine Einfuhr von mehr als 166 000 fl. (Forint) Zollwert an, und innerhalb dessen eine mehr als 15 000 Stück ausmachende Tucheinfuhr von beinahe 100 000 fl. Zollwert, insgesamt eine 130 000 fl. übersteigende Textilieneinfuhr an; die Dreißigstbücher aus dem Jahre 1542 registrieren hingegen bloß eine Einfuhr von 141 000 fl. Zollwert, innerhalb dessen eine ungefähr 11 000 Stück ausmachende Tucheinfuhr im Werte von ungefähr 56 000 fl., insgesamt eine sich auf etwa 97 000 fl. belaufende Textileinfuhr. Mit anderen Worten (bloß den Tuchverkehr hervorkehrend): der Gesamttuchimport der 19 Dreißigststellen der westlichen Grenzscheide (Preßburg miteinbegriffen) blieb im Jahre 1542 wesentlich hinter dem Tuchimport zurück, welcher im Finanzjahr 1457—58 allein von der Stadt Preßburg abgewickelt worden war. Es entsteht die Frage: Haben wir diesen überraschenden Unterschied im Volumen der westlichen Tucheinfuhr bloß den äußerst günstigen Umständen des Jahres 1457—58 einerseits, und den besonders ungünstie) Győző Ember Zur Geschichte des Außenhandels Ungarns im XVI. Jahrhundert in Études historiques 1 (Budapest 1960) 536—587.