Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

SPĚVÁČEK, Jiří: Das Eingreifen König Johanns von Böhmen in die Praxis des Notariatswesens in Parma

214 Jirí Spévácek Einer ähnlichen Praxis, wie sie aus dem Privileg Johanns von Böhmen hervorgeht, begegnet man in den mitteleuropäischen Ländern, wohin sich die Institution des öffentlichen Notariats von Italien aus verbreitet hat, überhaupt nicht, wie sich aus der Fachliteratur ergibt16), obwohl in spä­terer Zeit einige Versuche, sie einzubürgern, vor allem seitens des Herr­schers unternommen wurden 17). Es wird generell angenommen, daß das Institut der öffentlichen Notare in den böhmischen Ländern 18) sowie in anderen mitteleuropäischen Staaten aus Italien übernommen worden ist. Dennoch ist kein solcher Fall einer zunftähnlichen Organisation der öffent­lichen Notare bekannt, wie sie in den italienischen Signorien bestand. Das hängt offensichtlich mit der Tatsache zusammen, daß in den mitteleuro­päischen Ländern die Institution des öffentlichen Notariats überwiegend mit der Kirchenorganisation eng verbunden war, denn beinahe alle spät­mittelalterlichen öffentlichen Notare sind Kleriker gewesen, wie aus der üblichen Konsensformel der Notariatsinstrumente hervorgeht. Dank dem Umstand, daß der vollständige Text des Privilegs Johanns von Böhmen überliefert ist, vermag man wesentlich feinere Züge der Praxis bei den öffentlichen Notaren in Parma wahrzunehmen, als sie die allgemeinen Vorschriften über die Kanzleiordnungen erkennen lassen; denn diese berücksichtigen nur die Hauptpostulate der Institution des öffentlichen Notariats. Nicht zuletzt ist festzuhalten, daß das Privileg Johanns die bisherigen Kenntnisse über das Schicksal der Nachlässe ver­storbener oder verzogener Notare wesentlich vertieft und Einblicke ge­stattet, die früher nicht möglich waren 19). le) Siehe z. B. Ferdinand T a d r a Kanceláfe a pisari v zemich ceskych za kralv, z rodu lucemburského Jana, Karla IV. a Václava IV. [Kanzleien und Schreiber in den böhm. Ländern unter den luxemburgischen Königen Johann, Karl IV. u. Wenzel IV.] (Praha 1892) 294—298; Josef Nuhlicek Vefejni notáfi v ceskych méstech, zvlásté v méstech prazskych [Die öffentl. Notare in den böhm. Städten, besonders in den Prager Städten] in Sborník pfíspévkű k déjinám hlav. mesta Prahy [Beiträge zur Gesch. der Hauptstadt Prag] (Praha 1940) 14—34; Sylwiusz Mikucki Remarques sur les origines du notariat public en Pologne. Étude diplomatique in Revue Historique de droit frangais et étran- ger (Paris 1937) 333—350; Fritz Luschek Notariatsurkunde und Notariat in Schlesien von den Anfängen (1282) bis zum Ende des 16. Jh. (Weimar 1940); Ludwig Koechling Untersuchungen über die Anfänge des öffentl. Notariats in Deutschland in Marburger Studien zur älteren deutschen Geschichte 11/1 (Marburg 1925); Ferdinand E1 s e n e r Notare und Stadtschreiber. Zur Geschichte des schweizerischen Notariats (Köln u. Opladen 1960). 17) Hier sei nur ein Versuch Karls IV. erwähnt: Maiestas Carolina, hg. von Frantisek Palackyin Archiv Cesky 3 (Praha 1844) 125. 1S) Nuhlicek Vefejní notáfi 37. 19) Redlich Privaturkunden 221—222. — Für die sprachliche Redaktion dieses Beitrags danke ich meinem guten Freund Dipl. phil. Manfred Kobuch (Dresden).

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