Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai
182 Heinrich Lutz [31] Daß wir uns bemühen müssen, mit Rußland zu bessern und freundlichen Beziehungen zu gelangen, würde schon von selbst aus dem Entschlüsse folgen, mit Preußen-Deutschland in der vorhergezeichneten Weise in festes Verhältnis zu treten. [32] Esr) ist ein namentlich in Ungarn weit verbreiteter Irrtum, daß es genüge, Preußen von unserer Seite freundlich entgegenzukommen, um es sofort von Rußland zu trennen, ja selbst zu einem feindlichen Auftreten gegen dasselbe zu bewegen. Die Leidenschaft, mit der diese Auffassung im Laufe des verflossenen Winters bedauerlicherweise selbst in Regierungskreisen zu Tage trat, hat mir meine Aufgabe auf der Londoner Konferenz im hohen Grade erschwert und nicht verfehlen können, in Petersburg eine gewisse Verstimmung hervorzurufen, welche sich zunächst durch das Bestreben des dortigen Kabinetts kundgibt, in Konstantinopel gegen uns Boden zu gewinnen. Da es bei der in Ungarn einmal herrschenden Stimmung fast unmöglich ist, mit Rußland direkt bessere Beziehungen einzuleiten, ohne zu dem törichten Geschrei, als sei eine zweite heilige Allianz mit einer namentlich gegen Ungarn gerichteten Spitze im Anzuge usw. Anlaß zu geben, es aber immerhin als wünschenswert erscheint, fortwährende Spannung zu vermeiden, die — selbst abgesehen von der großen Schädigung, welche sie den konservativen Prinzipien zufügen muß — doch so lange die gegenwärtigen Herrscher in Rußland und Preußen auf dem Throne sitzen, kaum für uns günstige Folgen nach sich ziehen kann, so erübrigt für das k. u. k. Kabinett nur, den Weg nach Petersburg über Berlin zu suchen und auf diese Art zu einem modus vivendi zu gelangen, der freilich eine unausgesetzte Aufmerksamkeit auf alles, was in Rußland vorgeht, nicht überflüssig machen wird. [33] Was den Orient betrifft, so wird einfach an dem bisher von uns eingeschlagenen Gange festzuhalten sein. Wir haben kein Interesse und keine Neigung, den Untergang der Türkei herbeizuführen, aber auch kein hinreichendes Interesse, und nach der von der Pforte selbst in der letzten Zeit eingenommenen Haltung keinen Beruf, zu ihrem Schutz durch kostspielige Anstrengungen und künstliche Mittel beizutragen. Da eine Vergrößerung Österreichs zukünftig aller Voraussicht nach nur im Oriente stattfinden kann und eine solche namentlich in der Richtung wünschenswert wäre, unsern Besitz in Dalmatien durch ein entsprechendes Hinterland zu kräftigen, so rechtfertigt sich eine Politik von unserer Seite, welche ohne am staatlichen Bestände der Türkei zu rütteln, doch den Umstand nie aus den Augen verliert, daß an unseren dortigen Grenzen stammverwandte Nationen leben, die in dem Kampfe um Verbesserung ihrer Existenz Hoffnungen auf uns setzen, welche wir nicht täuschen könnten, ohne diese Völker, die sich im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr von Rußland abgewendet haben, gleichsam mit Gewalt wieder in die Arme des letzteren zu treiben. [34] In Bezug auf Italien werde ich mich in den Delegationen einfach auf dasjenige berufen können, was ich während der letzten Beratungen in Pest offen ausgesprochen habe. Indem ich das Prinzip der Nicht-Intervention als das allein zulässige in den Vordergrund stellte, verhehlte ich zugleich nicht, daß wir gerade durch ein Verzichten auf jede einseitige gewaltsame Einmischung ein Recht mehr erlangen würden, unsere Stimme in Florenz zu Gunsten möglichster Schonung der Stellung des Heiligen Vaters sowohl, als auch aller jener Institutionen erheben zu können, welche einen allgemeinen katholischen Charakter an sich tragen oder die zu Österreich-Ungarn in besonderen, auf r) B zuvor gestrichen (neues Blatt oben) wurde und hiezu aufrichtig die Hand zu bieten, scheint mir der Moment gekommen.