Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai
Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 183 speziellen Titeln beruhenden Beziehungen stehen. Euer Majestät werden aus dem Munde des gegenwärtig hier anwesenden kaiserlichen Botschafter in Rom zu entnehmen die Gnade gehabt haben, daß man Österreich daselbst wieder mit vollem Vertrauen entgegenkommt, unsere guten Absichten vollkommen würdigt und selbst die leidenschaftlichen Angriffe mißbilligt, welche von der ultraklerikalen Partei in Österreich gegen die Politik der kaiserlichen Regierung geschleudert werden. Dieses Resultat wurde erzielt, ohne daß wir mit Italien in den mindesten Konflikt geraten wären und da wir auf diese Weise nach beiden Seiten hin das Möglichste erreicht haben, so darf ich wohl nicht ohne eine gewisse Befriedigung auf eine Phase meiner Tätigkeit zurückblicken, welche für mich schon aus gewissen persönlichen Rücksichten mit doppelten Schwierigkeiten verbunden war. [35] Daß Frankreich und wohl für längere Zeit als Macht ersten Ranges vom politischen Schauplatze verschwindet, ist für uns ein Verlust, den wir gerade diesem Lande gegenüber offen einbekennen müssen. Man darf daselbst keinen Augenblick im Zweifel sein, daß wir auch im Unglücke unsere Sympathien einer großen und edlen Nation zuwenden, daß wir die freundschaftlichen Gesinnungen immer hochhalten werden, die sie uns namentlich in den letzten Jahren so vielfach betätigt hat. Jeder Franzose muß fühlen, daß er in Österreich Teilnahme an seinem Leiden findet und daß sich niemand herzlicher als wir darüber freuen wird, wenn es gelingt, die Spuren der Katastrophe nach und nach zu tilgen. Nur dürfen durch unsere Politik nicht jene Illusionen, von denen ich weiter oben zu sprechen mir erlaubte, unterhalten werden und nur wenn die Sachlage in s ihrer vollens) Wahrheit unzweideutig festgestellt wird, können wir erwarten, daß man in Frankreich auch die politische Notwendigkeit gehörig auffassen und würdigen werde, welche unser Verhalten Preußen gegenüber jetzt bestimmen muß. [36] Von England zu sprechen kann ich mich füglich enthalten, unter dem gegenwärtigen Ministerium wiegt diese Macht nicht schwer genug in der Waagschale des europäischen Gleichgewichtes, um als ein mitbestimmender Faktor in Berechnung gezogen werden zu können. Sollte sich dieser Sachverhalt ändern und England wieder maßgebend in die Weltgeschicke einzugreifen versuchen, so könnten wir eine solche Wendung nur mit vieler Befriedigung begrüßen, denn es erwüchse dann Österreich ein Alliierter, der ihm in allen Lagen eine feste Stütze zu bieten geeignet wäre. [37] Um der gegenwärtigen Arbeit keine übermäßige Ausdehnung zu geben, habe ich mich auf gegenwärtige, flüchtige Andeutungen beschränken müssen. Nichtsdestoweniger darf ich hoffen, hiedurch ein Gesamtbild entworfen zu haben, welches einer gewissen Deutlichkeit nicht ermangelt und das vor allem als solches aufgefaßt zu werden beansprucht. Nicht die einzelnen Züge bieten etwas Neues, alles Detail ist Euer Majestät bekannt und von Allerhöchstdenselben vielfach huldreichst gebilligt. Aber, daß sich aus diesen Bruchstücken ein Ganzes herauswachse, welches der politischen Welt als ein reiflich erwogenes und unabänderlich festgestelltes System erscheine, dies ist, wie eingangs bereits erwähnt, das Bedürfnis des Augenblicks und in diesem Sinne würde ich die hier vorgetragenen Ansichten, sobald sie Euer Majestät Allergnädigste Gutheißung erhalten haben, sowohl den Delegationen gegenüber — natürlich1) in der durch diplomatische Rücksichten gebotenen Beschränkung — als nachu) aussen hin verwerten, sowie selbstverständlich den Ministerpräsidenten der beiden Reichshälften hievon in angemessener Weise Kenntnis geben. s s) B verbessert aus Form voller. — () B verbessert (Bleistift) aus selbstverständlich. — u) B auch nach.