Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai
Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 179 26. Dezember v. J. ihren formellen Ausdruck gefunden haben, die allergnädigste Billigung zu erteilen, die Delegationen haben ihrer Majorität nach diesen Schritt mit Freude begrüßt und auch die Nachrichten, die uns seither über die Dispositionen des Berliner Kabinetts zugekommen sind, zeigen, daß dort ein richtiges Verständnis sich Bahn zu brechen beginnt und daß wir — vor der Hand wenigstens — weitergehende Befürchtungen, wie ich sie mir oben anzudeuten erlaubt habe, wohl nicht hegen dürfen. Ich wähle absichtlich die Bezeichnung „vor der Hand“, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich in der Depesche vom 26. Dezember nur Keime niedergelegt finden, die sorgfältiger Pflege und Fortbildung bedürfen, wenn sie dauerhaft gute Früchte tragen sollen. [19] Zur Genugtuung gereicht es mir, hier betonen zu können, daß diese Fortbildung ebenso in unserem eigenen wohlverstandenen Interesse wie in jenem Preußen-Deutschlands liegt. Letzteres hat nämlich zwar allerdings auf militärischem Felde Triumphe gefeiert, die ihm augenblicklich eine hervorragende Machtstellung in Europa sichern und in Fällen, wo die ultima ratio angewendet werden kann, ihm vielleicht noch weitergehende Erfolge in Aussicht stellen, aber seine politische Lage hat sich keineswegs auf gleiche Stufe mit der militärischen gehoben und ist durchaus nicht so gesichert, daß es dem Berliner Kabinette gleichgültig sein könnte, wie wir unsere Beziehungen zu demselben auffassen. [20] Der einzige Alliierte, auf den Preußen-Deutschland im Notfälle mit einer gewissen Sicherheit zählen kann, ist Rußland. Aber nicht staatliche Interessen sind es, die ein solches Zusammengehen begründen, sondern rein dynastische, welche sich nicht bei jedem beliebigen Anlasse, sondern nur dann zur Geltung bringen lassen, wenn — wie dies im Jahre 1870 sich ereignete — der eine Teil in der Lage ist, dem anderen gegen spätere Gegenleistung Dienste zu erweisen, welche keine solche Machtentwicklung nötigmachen, zu deren Entfaltung') es außer der diplomatischen und militärischen Aktion auch der nationalen Erhebung bedarf. [21] Die Stimmung der deutschen Bevölkerung ist einer innigen Verbindung mit Rußland durchaus — ja bis zur Feindseligkeit — abgeneigt, wie denn andererseits in Rußland eine starke Strömung gegen das deutsche Element gerichtet ist, und da die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands die Gegensätze fortwährend verschärfen muß, so wird eine übereinstimmende Politik in gewöhnlichen Zeiten immer schwieriger durchzuführen sein. Ich lasse dabei keineswegs außer Beachtung, daß die vielerprobte Liebedienerei des preußisch-deutschen Nationalliberalismus sich unter Umständen gerne dazu verstehen würde, englische Abstinenzpolitik russischen Unternehmungen gegenüber zu treiben, allein gerade in dieser Betrachtung glaube ich einen Grund mehr dafür erkennen zu sollen, einer derartigen Richtung, welche nach den gemachten Erfahrungen in den angeblichen Feindseligkeiten Österreichs den erwünschten Vorwand findet, im voraus den Boden zu entziehen. Endlich kann vom Fürsten Bismarck auch nicht übersehen werden, daß nunmehr voraussichtlich Rußland die Rolle des fordernden, Preußen-Deutschland jene des gewährenden Teils in jeder europäischen Komplikation zufällt und daß man daher in Berlin Gefahr läuft, auf eine schiefe Ebene zu geraten, welche sicherlich nicht zur Wahrung und Förderung spezifisch preußischer Endziele führen kann. [22] Einem unleugbar so begabten Staatsmanne, wie Fürst Bismarck, muß demnach daran liegen, sich soviel als möglich aus dieser ihn beengenden 1 1) B verbessert aus Festhaltung. 12*