Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

180 Heinrich Lutz Situation zu befreien, und da er von Seite Frankreichs nur wütenden Haß und Streben nach Wiedervergeltung, von England Gleichgültigkeit, von Italien — vereinzelte Kreise ausgenommen — Abneigung zu erwarten hat, so ist es natürlich, daß er seine Blicke nach Wien richtet und trachtet, mit Österreich- Ungarn nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auf einen besseren Fuß zu gelangen. [23] Da ich oben bereits nachgewiesen zu haben glaube, daß es auch für den österreichischen Kaiserstaat — so lange die gegenwärtige Konstellation in Europa andauert — geboten erscheint, im Einklänge mit den Grundsätzen einer gesunden Interessenpolitik und daher selbstverständlich sich fernhaltend von allen Illusionen einer früheren Epoche, diese augenblicklich günstige Stim­mung zu benützen, so kann es sich für jetzt nur davon handeln, für das sich hieraus mit Naturnotwendigkeit ergebende Prinzip auch die richtige Form der Ausführung zu finden. [24] Als Grundpfeiler des nun einzuschlagenden Systems stellt sich sonach dar: Faktisches Prädominieren Mitteleuropas in der Waagschale der europäi­schen Geschicke durch vorläufige Verständigung Österreich-Ungarns und Preußen-Deutschlands in allen brennenden Tagesfragen mit dem ausge­sprochenen Zwecke der Erhaltung des Weltfriedens. Beide mitteleuropäischen Mächte erscheinen dabei selbstverständlich in vollster ausgesprochenster Gleichberechtigung. [25] Ich bin des unvorgreiflichen Dafürhaltens, daß durch Verwirklichung dieser Idee nicht nur keine Beunruhigung in Europa erzeugt, sondern sogar ein Gefühl der Sicherheit hervorgerufen werden würde, wie wir es lange schmerzlich entbehrt haben. Denn wir ständen dann eigentlich nur vor einer zweiten, hoffentlich ver­besserten Auflage jener Prinzipien, welche Europa durch mehr als 30 Jahre den Frieden erhalten, die geistige und materielle Entwicklung dieses Welt­teils in einer früher nie geahnten Weise gefördert haben. [26] Werfen wir einen Rückblick auf die Zeit, als der deutsche Bund bestand, so tritt uns als nicht zu bestreitende Wahrheit entgegen, daß es damals als eine ausgemachte Sache galt: Österreich und Preußen seien berufen, bevor sie ihr Urteil in europäischen Fragen abgeben, zunächst untereinander ihre Ansichten auszutauschen und den Versuch zu machen, zu einer idealischen Fixierung derselben zu gelangen. Als Motiv hiefür galt aber nicht allein der Bundes- Vertrag, sondern auch die Erwägung, daß Österreich und Preußen selbst abgesehen von dieser völkerrechtlichen Basis näherliegende gemeinsame Interessen hätten, welche zunächst eine Berücksichtigung und Ausgleichung erheischten. [27] Nun ist zwar der Vertrag als solcher von Preußen im Jahre 1866 in unverantwortlichster Weise gewaltsam zerrissen worden, aber die Interessen, welche auf gemeinsamer Abstammung, historischer (!) Tradi­tionen, materiellen Beziehungen tausendfacher Art beruhen, fahren fort zu be­stehen, machen sich geltend und werden von dem gesamten gebildeten Europa als besondere, nur den beiden Staatsgebieten eigene anerkannt. Nicht mehr organisch verknüpft, sondern neben einander stehen Österreich und Preußen, aber bei beiderseitigem guten Willen können sie auch in dieser Gestaltung manches Wohltätige leisten, was früher durch die Bundeszwecke erstrebt wurde, und hiezu aufrichtig die Hand zu bieten scheint mir der Moment gekommen. Denn die Konstellationen des gegenwärtigen Augenblicks sind ge­rade solche, welche das nach obigem anzustrebende Verhältnis auch mit Rück­

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