Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai
178 Heinrich Lutz gen und Erwartungen, die es zu hegen berechtigt gewesen war und um welche es sich durch ein sinn- und kopfloses Vorgehen von Seite Frankreichs nun auf einmal betrogen sah. Dann aber und in viel gefährlicherer Weise durch das riesenmächtige Anschwellen Preußens zu einem tonangebenden Nationalstaate, einem Nationalstaate, welcher noch dazu innerhalb unserer Grenzen mannigfache Anknüpfungspunkte zu finden und auszubeuten leider stets erwarten kann. Dieser veränderten Sachlage gegenüber bot sich für den Kaiserstaat — da die Möglichkeit eines rechtzeitigen aktiven Einschreitens aus den mannigfachsten Ursachen nun einmal nicht ins Auge gefaßt werden konnte — nur folgende Alternative: Entweder für alle Fälle gerüstet der Dinge warten, die eben kommen sollten, was mit einer gewissen gespannten Haltung Preußen gegenüber wohl gleichbedeutend gewesen wäre, oder: rückhaltloses Anerkennen der neuen Stellung Preußens in Deutschland und ernster Versuch, sich mit dieser augenblicklich in Europa gebietenden Macht auf möglichst guten Fuß zu stellen und zu trachten, wenigstens auf praktischem Wege jene großen Nachteile minder fühlbar zu machen, welche sich aus den Ereignissen des vergangenen Jahres für uns ergeben. Nicht einen Augenblick hatte ich gezögert, Eurer Majestät das Einschlagen der letzterwähnten Bahn anzuraten und ich wurde dabei nicht nur durch die Erwägung bestimmt, daß die Ehre und Würde der Monarchie es erfordere, freiwillig, wenn ich mich so ausdrücken darf, im großen Stile dasjenige zu tun, was ihr durch die Macht der Umstände als unausweichliche Notwendigkeit auf erlegt werden konnte, also wenigstens alle jene Vorteile dabei sich zu sichern, die mit einem energischen Anfassen einer Frage in der Regel verknüpft sind, sondern es schienen mir auch Motive für einen solchen Entschluß zu sprechen, welchen eine dauernde, also über die momentane Sachlage hinausgreifende Bedeutung nicht abgesprochen werden kann. [17] Es ist nämlich unschwer zu erkennen, daß Preußen-Deutschland in die Geschicke Österreichs nicht nur direkt, durch Entfaltung seiner riesigen militärischen Kraft, sondern — und gewiß nicht minder gefährlich — auch indirekt eingreifen kann, wenn es von unseren verworrenen, durch die nationalen Reibungen so unerquicklich gewordenen Zuständen im Innern Veranlassung nehmen will, hierauf in jener Weise propagandistisch einzuwirken, wie es dies Jahre lang in Süddeutschland mit so unleugbarem Erfolge geübt hat. Die Tätigkeit der preußischen Staatsmaschine erscheint dabei gar nicht auf der Oberfläche und kann eventuell mit voller Entschiedenheit in Abrede gestellt werden, aber der Kundige fühlt nichtsdestoweniger deren Folgen, die sich zunächst durch eine gesteigerte Aktivität, ein selbstbewußteres Auftreten derjenigen politischen Kreise kundgeben, welche eben als Hebel benützt werden sollen, um eine mißliebige staatliche Organisation aus den Angeln zu heben. Je mehr ich mir daher vor Augen halten mußte, wie unwahrscheinlich es sei, daß das durch einen großen Krieg vielfach erschöpfte, aus tausend Wunden blutende Preußen bald eine Veranlassung nehmen werde, positiv feindlich gegen Österreich-Ungarn aufzutreten, um so mehr mußte ich — bei wenig freundlichen Beziehungen zwischen den beiden Nachbarreichen —- befürchten, daß man in Berlin nicht unterlassen würde, den in Deutsch-Österreich ohnedies vielfach vorhandenen deutschnationalen Zündstoff zur hellen Flamme anzublasen, und sagte mir, daß das einzige Mittel, solchen Gefahren vorzubeugen, eben darin gefunden werden müsse, Preußen jedes Interesse zu benehmen, auch auf gedachtem indirektem Wege feindlich gegen uns aufzutreten, was nur durch die von mir empfohlene Annäherung erreicht werden konnte. [18] Eure Majestät haben die Gnade gehabt, meinen bezüglichen Vorschlägen, welche in der seither so berühmt gewordenen Depesche vom