Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 177 Wegfall dieser letzteren wieder in alle Winde verweht wird, sondern ein förm­liches politisches System muß geschaffen werden, das mit der Weihe aus­drücklicher Gutheißung Eurer Majestät versehen, als unverrückbare Grundlage unserer auswärtigen Politik den Delegationen hingestellt wird und entweder durch ausdrückliche Zustimmung derselben neue Kräftigung erlangt oder doch wenigstens durch den Ernst des Charakters, der ihm aufgeprägt ist, dem wider­lichen Intrigenspiele ein für alle Mal die Wurzel abschneidet, das sich jetzt bei jeder Session eitrigst und immer mit Hoffnung auf Erfolg in den Vorder­grund zu drängen bemüht ist. [12] Eure Majestät geruhen Sich allergnädigst zu erinnern, daß ich es war, welcher während der ersten Jahre meines hiesigen Wirkens die Politik der sogenannten „freien Hand“ trotz mannigfacher Anfeindungen mit Ent­schiedenheit vertreten habe, und daß ich so glücklich war, Allerhöchstdero Billigung und Ermächtigung hiezu zu erlangen. Ich würde unter ähnlichen Ver­hältnissen auch jetzt noch so handeln. — Solange Frankreich und Preußen sich als ebenbürtige Mächte gegenüberstanden, wobei der Ausgang eines mög­lichen Krieges keineswegs in der den eingetretenen Erfolgen entsprechenden Weise vorausgesehen wurde noch vorauszusehen war, wäre es geradezu unver­antwortlich für uns gewesen, die Vorteile unserer Stellung aus der Hand zu geben und uns dadurch die Chancen für eine günstigere Zukunft zu verderben. Schon der Umstand, daß nur durch eine zuwartende Politik seitens der k. u. k. Regierung die drohende Katastrophe wenigstens hinausgeschoben zu werden vermochte, mußte für unser diesfälliges Vorgehen entscheidend sein, denn wir gewannen dadurch Zeit für die Ausbildung unseres inneren Wehrsystems, wel­ches den Vertretungskörpern nicht ohne große Mühe abgerungen worden war, aber erst nach einer Reihe von Jahren die erwarteten Erfolge liefern konnte. [13] Dieser Auffassung entsprach die Aufrechterhaltung des Status quo, wie ihn der Prager Friede geschaffen als Garantie verlängerten Friedens, und dieser Gedanke war es, welcher in den Salzburger Aufzeichnungen Ausdruck fand. Hätte man diesen Gedanken in Frankreich festgehalten, so wäre der bewaffnete Friede zuerst für Deutschland unerträglich geworden und hätte entweder dort zu einer diplomatischen Verständigung genötigt, bei welcher für uns günstige Chancen in Aussicht standen, oder er hätte zu einem Offensiv­krieg gegen Frankreich geführt, wobei wieder für uns eine vorteilhafte Stellung gegeben war. [14] Der Einwurf aber, der oft vernommen wird, daß nämlich wir mit Preußen uns hätten nach 1866 verbinden sollen, zerfällt, ganz abgesehen von den Rücksichten des Gefühles, die auch in der Politik ihr Recht behaupten, bei näherer Betrachtung zusammen, da es an einem Objekt absolut fehlte. Jeden Wiedereintritt in Deutschland war man in Berlin entschlossen zu verweigern, was aber den Orient betrifft, so war — ganz abgesehen von den Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg — nichts anderes in Aussicht als die Zusage einer Unterstützung für künftige ungewisse Eventuali­täten — während unsere Unterstützung eine sofortige gewesen wäre, welche uns Frankreich entfremden und uns seiner Unterstützung im Oriente berauben mußte. [15] Alle diese Umstände haben sich aber nunmehr gründlich geändert. Ungeachtet unseres lebhaften Abratens hat Frankreich sich mutwillig und indem es das Nationalgefühl Deutschlands auf das tiefste aufregte, in einen Krieg gestürzt, in dem es eine Niederage erlitten hat, von welcher die Welt­geschichte kein weiteres Beispiel kennt. [16] Österreich-Ungarn wurde durch diese Katastrophe in doppelter Be­ziehung schmerzlich berührt. Einmal nämlich durch den Verlust von Hoffnun­Mitteilungen, Band 25 12

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