Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

174 Heinrich Lutz Seit einer Erwähnung bei Erichsen ist die Denkschrift in einschlägigen Untersuchungen wiederholt benutzt und passagenweise zitiert worden, zuletzt von István Diószegi 13). Gegenüber der widerspruchsvollen Viel­falt der bisherigen Interpretationen möchte die vorliegende Veröffent­lichung insofern einen Einschnitt bewirken, als es von jetzt an leichter sein dürfte, dies hervorragende Dokument und die ihm zugrunde liegende politische Problematik in toto zu würdigen. DENKSCHRIFT DES GRAFEN BEUST FÜR KAISER FRANZ JOSEPH, 18. MAI 1871 Allergnädigster Herr! [1] Eure Majestät geruhten allergnädigst zu gestatten, daß ich die wenigen Tage der Ruhe und Sammlung in Gastein dazu benütze, Allerhöchstdenselben meine Ansichten über die politische Lage im allgemeinen und die dadurch für uns gebotenen Beziehungen ehrerbietigst darzulegen und im Falle deren Ge­nehmigung damit zugleich eine bestimmte Unterlage für die von der k. u. k. Regierung gegenüber den Delegationen einzunehmende Haltung zu gewinnen. [2] Es ist zwar kaum zu erwarten, daß im Laufe der bevorstehenden Delegationen Anträge von weittragender Bedeutung aus dem Schoße derselben hervorgehen dürften, da sämtliche politische Tagesfragen, welche heute die Aufmerksamkeit zu fesseln geeignet sind, bereits zur Zeit der letzten Session vorhanden waren, dieselben eingehende Erörterung fanden und auch in finanzieller Beziehung neue Anforderungen von Seite der Regierung im größe­ren Maßstabe nicht gestellt werden. [3] Fasse ich daher nur die Chancen eines angriffsweisen Vorgehens seitens der Delegationen ins Auge, so geht mir kein Zweifel darüber bei, daß eine solche Opposition teils in der Gestalt vereinzelter und vielleicht persönlicher Ausfälle hervortreten, teils sich in möglicherweise unliebsamen, aber müßigen Rückblicken bewegen, teils endlich in vexatorischen Interpellationen, was ins­besondere von der römischen Frage gilt, sich gefallen werde. Die Abwehr halte ich hier überall für nicht schwer. [4] Allein sehr erhebliche Momente lassen es mir als nicht wünschens­wert erscheinen, daß die Regierung ihr eigenes Hervortreten auf das Feld der Abwehr beschränke. Dahin gehören zunächst die auf das Institut der Delegationen zu nehmenden Rücksichten, indem das Ansehen und die Zukunft dieser verfassungsmäßigen Einrichtung ernstlich gefährdet erscheinen würdena), wenn das Schauspiel, welches die letzte Delegationssitzung bot, sich wiederholen sollte. Ich darf nicht befürchten, den Vorwurf der Überhebung mir zuzuziehen, indem ich meinen rein objektiven Standpunkt hiebei mit der Bemerkung kennzeichne, daß es mir persönlich wohl vergönnt war, auf den Verlauf dieser Session mit einiger Ge­nugtuung zurückzublicken, denn selten ist es wohl geschehen, daß ein Minister im gleichen Maße von allen Seiten angegriffen wurde und zuletzt mit zwar widerwilligen, aber unzweideutigen Vertrauens- und Billigungsvoten aus dem Kampf hervorging. Daß mir ein gleicher Erfolg in der bloßen Verteidigung dies­ls) Ernst Erichsen Die deutsche Politik des Grafen Beust im Jahre 1870. Ein Beitrag zur Geschichte der Reichsgründung (Kiel 1927) 30, 102; Diószegi Ausztria-Magyarorzág 241 ff. a) B ergänzt.

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