Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 173 Dynastie bedeutende Vergangenheit auch verdeckte Gefühlsmomente zu bemerken. Die Frankreich geltenden Abschnitte (28—30) warnen vor dem Entstehen von Illusionen in Paris über die neue Stellung Wiens zu Ber­lin; die Härte dieser politischen Revision wird mit Sympathiebezeugungen verschönt, und schließlich nimmt Beust in bemerkenswerter Form die sozialistische Gefahr (eben ist die Kommune niedergeworfen) zum Anlaß, eine antisozialistische Solidarität zwischen Wien und Berlin zu inaugu­rieren 12). Der Hauptteil schließt mit einer tour d’horizon: im Falle Ruß­lands wird der Weg zu einer Verbesserung der Beziehungen über Berlin gewiesen (31, 32), gegenüber der Türkei verbindet sich Abwarten mit einem deutlichen Annexionsprogramm in Richtung Bosnien und Herzego­wina (33), Italien wird einer näheren Untersuchung der politischen und kirchenpolitischen Implikationen gewürdigt (34), Frankreich zugleich warnend und sentimental abgehandelt (35), England in sehr scharfer Form für die Gegenwart als eine „quantité negligeable“ gekennzeichnet (36). Der Schlußteil leitet zur praktischen Ausführung über (37, 38). Der hier erwähnte Entwurf einer eventuell zu erlassenden kaiserlichen Entschlie­ßung liegt der Denkschrift nicht bei und wurde bisher auch an anderer Stelle nicht gefunden. Man kann mit der Möglichkeit rechnen, daß die offenbar uneingeschränkte kaiserliche „Genehmigung“ des Vortrags als solchen den Erlaß einer eigenen Entschließung überflüssig machte. Beust hatte am 25. Mai 1871 die Sanktion Franz Josephs für das neue Pro­gramm und konnte nun an die Ausführung gehen, die schließlich durch seine Ablösung durch Andrássy im November 1871 nicht mehr wesentlich modifiziert wurde. Im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv (Politisches Archiv XL 54) befinden sich zwei Exemplare der Denkschrift. Das hier A genannte Exemplar stellt das halbbrüchig geschriebene Original mit den Unter­schriften Beusts und des Kaisers dar (fol. 103—150, drei verschiedene Schreiberhände). Das zweite, hier B genannte Exemplar (fol. 151—188, mit Bleistiftvermerk auf der Vorderseite „Von Herrn Baron Teschenberg er­halten am 1. Dezember 1882“ [unleserliche Paraphe]) ist gleichfalls halbbrüchig ins Reine geschrieben. Es enthält an einigen Stellen kleinere Verbesserungen von der Hand Beusts, die den Text von A hersteilen, dürfte also eine Vorstufe darstellen. Die Verbesserungen sind im text­kritischen Apparat vermerkt. Orthographie und Interpunktion wurden in der üblichen Weise modernisiert, die Absätze wurden beibehalten, eine Paragraphenzählung vom Editor beigefügt. Unterstreichungen im Original sind im Druck durch Sperrungen wiedergegeben. 12) Vgl. dazu in meinem Anm. 1 zitierten Aufsatz Le Probleme etc. den Abschnitt „Der Kampf gegen die Internationale als Bindemittel der neuen Allianz.“

Next

/
Oldalképek
Tartalom