Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

170 Heinrich Lutz Situation, welche sich angesichts der föderalistischen Reformpolitik des cisleithanischen Ministeriums Hohenwart-Schäffle entwickelte, die monar­chische Sanktion für ein umfassendes Programm der außenpolitischen Neuorientierung der österreich-ungarischen Monarchie an der Seite des neugegründeten Deutschen Reiches zu erwirken. Die traditionelle Be­zeichnung „Vortrag“ für ein derartiges Aktenstück bedeutet nicht, daß es dabei um die schriftliche Fixierung eines im Wesentlichen doch münd­lich vorgebrachten Textes ging. Es ist damit nur der aktenmäßige Tat­bestand ausgedrückt, daß es sich nicht um einen nur informierenden Be­richt oder um ein Memorandum des Kanzlers für den Kaiser handelte, sondern um eine schriftliche, für die unmittelbare und offizielle Sanktion durch den Kaiser bestimmte Vorlage. Unser Stück wurde von Beust in Gastein am 18. Mai unterschrieben. Am 25. Mai erteilte Franz Joseph in Wien mit der formelhaften Wendung „Ich nehme den Inhalt dieses Vor­trages genehmigend zur Kenntnis“ 2) seine Zustimmung; und diese Zu­stimmung betraf im vorliegenden Falle nicht einen einzelnen diploma­tischen Vorgang, sondern ein außenpolitisches Gesamtprogramm von höchster Relevanz. Dies war zwar durch eine ganze Serie von Einzelent­scheidungen seit November/Dezember 1870 vorbereitet und in vielen Weisungen und Stellungnahmen Beusts partiell ausgearbeitet und in Teil­motivationen mit dem Kaiser und dem gemeinsamen Ministerrat abge­sprochen 3). Aber als ein Ganzes hat sich der Reichskanzler das neue System — übrigens verbunden mit erheblichen innenpolitischen Absiche­rungen gegenüber der von ihm skeptisch beurteilten Linie der Regierung Hohenwart-Schäffle — in der Denkschrift vom 18. Mai erstmals vom Kaiser bestätigen lassen: „Faktisches Prädominieren Mitteleuropas in der Waagschale der europäischen Geschicke durch vorläufige Verständigung Österreich-Ungarns und Deutsch­lands in allen brennenden Tagesfragen mit dem ausgesprochenen Zwecke der Erhaltung des Weltfriedens“ 4). Es folgte die bekannte außenpolitische Erklärung Beusts vor der österreichischen Delegation am 1. Juli5). Und noch im gleichen Sommer 2) Siehe unten S. 184. 3) Vgl. zuletzt Heinrich Potthoff Die deutsche Politik Beusts (Bonn 1968); István Diószegi Ausztria-Magyarorzág és a Francia-Porosz Háború 1870—1871 (Budapest 1965). Von früheren Arbeiten sind vor allem zu nennen Fritz Leidner Die Außenpolitik Österreich-Ungarns vom Deutsch-Franzö­sischen Kriege bis zum Deutsch-Österreichischen Bündnis 1870—1879 (Diss. Kiel 1934) und Walter Wagner Kaiser Franz Joseph und das Deutsche Reich von 1871—1914 (ungedr. phil. Diss. Wien 1950). 4) Siehe unten S. 180. 5) Siehe Stenographische Sitzungsprotokolle der Delegation des Reichsrathes, Vierte Session (Wien 1871) 17 ff. — Gedruckt auch bei Friedrich Ferdinand Graf von Beust Aus Drei Viertel-Jahrhunderten. Erinnerungen und Aufzeich­nungen 2 (Stuttgart 1887) 466 ff.

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