Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

LUTZ, Heinrich: Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871. Die Denkschrift des Grafen Beust für Kaiser Franz Joseph vom 18. Mai

Zur Wende der österreichisch-ungarischen Außenpolitik 1871 171 wurde die neue Allianz durch die Kaiserbegegnungen in Ischl und Salz­burg und durch das ausgiebige téte-a-téte Beusts mit Bismarck in Gastein aus dem „vorläufigen“ in ein dauerhaftes Stadium überführt. Es zeigt sich übrigens bei genauer Analyse des Textes, daß die Be­tonung des „Vorläufigen“ in der Denkschrift nicht den Sinn einer sach­lichen Kautele hatte, sondern im Gegenteil den Kaiser auf die Dring­lichkeit rascher weiterer Schritte zur Erreichung eines definitiven Ein­verständnisses mit Berlin hinweisen sollte. An anderer Stelle schreibt Beust über die Tragweite der Bündnisinitiative: „... solange die gegen­wärtige Konstellation in Europa anhält“ 6). Kann man darin einen ernst­haften Vorbehalt und eine Relativierung des neuen Programms sehen? Wohl kaum, wenn man Beusts Gesamtanalyse der europäischen Politik in Rechnung setzt, die u. a. mit einem lang dauernden Ausfall Frank­reichs als Großmacht rechnete. Andererseits ist durchgehend die Grund­konstellation zwischen Beust und Franz Joseph angesichts des neuen Reiches in Betracht zu ziehen: Beust geht voran und der Kaiser folgt. Die Analyse ist ein Plädoyer für die Neuorientierung, nicht nur berechnet auf die Psychologie, auf die Vorstellungen und Gefühle des Kaisers, son­dern auch auf die Haltung und die möglichen Gegenwirkungen der kon­servativ-klerikalen Hofpartei einerseits und auf die besondere Position der Ungarn andererseits. Vieles wäre zu sagen über den persönlichen Ductus der politischen Argumentation Beusts; es kann hier nicht darge­legt werden7). In der Sache selbst blieben — auch dies kann im vor­liegenden Zusammenhang nicht weiter ausgeführt werden — wesentliche Züge des Programms vom 18. Mai 1871 maßgebend für die europäische Politik der Donaumonarchie bis zu ihrem Ende. Aufbau und Inhalt der Denkschrift, die eine umfassende Analyse ver­dienten, können einleitend nur in Stichworten gewürdigt werden. Die verhältnismäßig ausführliche Einleitung (1-—11) ist bedingt durch die un­mittelbaren Umstände: die Vorbereitung auf den bevorstehenden Zu­sammentritt der Delegationen, die Abgrenzung gegenüber der Politik der Regierung Hohenwart-Schäffle und die Hervorhebung der Erfordernisse der auswärtigen Politik im Hinblick auf die inneren Verhältnisse 8). Diese 6) Siehe unten S. 180. ?) Eine von Helmut Rumpler (Wien) verfaßte Studie über die mittel­staatliche Reformpolitik Beusts 1848/50 enthält ein wertvolles Kapitel „Allge­meine Probleme einer Beustbiographie“, in der die verwickelte historiographi- sche Situation analysiert wird. Auf diese Arbeit, die demnächst erscheinen wird, sei für den jüngsten Stand der Beust-Diskussion hingewiesen. 8) Für die Verhandlungen der von Beust in der Denkschrift (S. 174) heftig kritisierten vorausgegangenen Delegationssitzung (Nov. 1870/Febr. 1871) vgl. Stenographische Sitzungsprotokolle der Delegation des Reichsrathes, Dritte Session (Wien 1871), wo auf S. 247 f die Rede Beusts vom 17. Januar gedruckt ist, in der er erstmals die Annäherung an Berlin erwähnte, mit Betonung der

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