Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle

Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters 167 Wertung eines Menschen wesentlich erscheinen, in welchen Kreisen er sich mit Vorliebe bewegte, wo er seine Freunde suchte und fand. Aus dem Stammbuch allein weiterreichende Schlüsse auf Wesen, Wollen und Können' seines Besitzers zu ziehen, muß immer fragwürdig bleiben. Hät­ten wir — um zwei österreichische Beispiele der Epoche zu nennen — von dem hochgelehrten Bibliothekar der Palatina Hugo Blotius oder von dem aristokratischen Genealogen, Ständepolitiker und Historiker Job Hartmann Freiherrn von Enenkel nur die Stammbücher, ließe sich der geistige Rang dieser Männer kaum ahnen, jedenfalls nicht erkennen65). Konfrontiert man das Album mit anderen, ergänzenden Quellen, wird sein Aussage­wert aber steigen und unter Umständen nicht unerheblich sein, zumal es ziemlich unmittelbar in Geselligkeit und Stimmungen jener Kreise ein­führt, denen der Stammbuchbesitzer angehörte oder denen er doch zuge­zählt werden wollte. Das Soldaten- und Offiziersstammbuch66), das Studenten- und Ge­lehrtenalbum67 68), das Stammbuch des landesfürstlichen oder ständischen Beamtenes), das Gesellenbuch der Handwerker69), sie haben alle ihre eigene Note, einmal bedingt durch die soziale Schicht, in der der Einzelne sich bewegte, zumal das Album nicht selten auch als Statussymbol gelten mochte. Einander ergänzende und doch wieder konkurrierende sozial­psychologische Faktoren treten in ihrer Einwirkung auf das Individuum in Erscheinung. Ob den Studenten aristokratischer Abkunft mehr das Studium, die Wissenschaft und seine Lehrer oder aber das Standesbe­«s) CVF 9645 (Album Hugo Blotius); Oberösterr. Landesarchiv Linz Schlüs­selberger Archiv Hs. 135 (Album Enenkels). 66) Hier wären zu nennen das Album des Generalquartiermeisters Damon im Wiener Stadtarchiv (vgl. oben Anm. 42), das Album von Georg Wolf von Fränkhing (Egerton-Ms. 1288, vgl. Zöllner Austriaca 353 f), ein früher in der Sammlung Rosenheim befindliches Soldatenalbum eines Teilnehmers an der Belagerung von Gran 1595 (Rosenheim Album Amicorum 281) und in mancher Hinsicht auch das Album von Sebastian Stamps (oben Anm. 48). 67) Es genügt ein Hinweis auf die Abhandlung von M a z a 1 Stammbücher 59 ff (vgl. oben Anm. 9). Vgl. auch Zöllner Herberstein (oben Anm. 20). 68) Hier kann exemplarisch eine Gruppe Salzburger landesfürstlicher Beamten und ihrer Alben angeführt werden: der Landrichter Hans Wilhelm Deifel zu Pichl (CVF 9697), die Räte Hans Ludwig und Emeram Riz (österr. Museum für Angewandte Kunst, Sign. Q I 2 bzw. Q I 8), der Kammerrat Gervasius Fabrizius von Kiesheim (Add. Ms. 17.025) und der Hofkanzlist und Lehensschreiber Johann Wiser (Egerton-Ms. 1555); vgl. hiezu oben Anm. 42, 49, 56, 63; Z ö 11 n e r Austriaca 354 ff, N i c k s o n Early Autograph Albums 19 f. 68) Ein früh von der Forschung herangezogenes Handwerkeralbum ist das des weit herumgekommenen Grazer Buchbindergesellen Christoph Felber (mit Eintragungen von 1642—1662) in der Landesbibliothek Weimar Stammbücher n. 34; vgl. oben Anm. 24, ferner Robert Keil Ein denkwürdiges Gesellen­Stammbuch aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Beitrag zur Geschichte der deutschen Sprachpoesie (Lahr 1860).

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