Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle

166 Erich Zöllner mochten sie auch unvollständig oder sonst unvollkommen sein, gestatteten doch dem Stammbuchinhaber und dessen Freunden, sich als Wissende in den Geheimnissen der Emblematik und Allegorik auszuweisen. In den österreichischen Stammbüchern findet sich dazu mancherlei6S), für die bildgeschichtliche Forschung ergibt sich hier noch ein wenig genutzter Arbeitsbereich. Eine systematischere Bewertung der Stammbuchillustration ist schwie­rig und muß wohl dem Kunsthistoriker Vorbehalten bleiben, dessen Urtei­le gewiß nicht unter Hauptaugenmerk auf den historischen Quellenwert der Bebilderung erfolgen können. Es scheint freilich, daß die Illustratio­nen, auch die besten unter ihnen, eher handwerkliches Könnnen als künst­lerische Gestaltungskraft zum Ausdruck bringen Bei der Auswertung der Quellenfunktion der Stammbücher wird der Historiker bei aller Einsicht für berechtigte Fachinteressen von Philologen und Kunsthistorikern an der Sprachgestalt der Beiträge beziehungsweise an Bilddeutungen, an diesen Themen und Problemen zwar schon in Hinblick auf ihre bildungs- und geistesgeschichtliche Relevanz keineswegs Vorbeigehen, zunächst aber wohl eher auf die biographische Erfassung des Albenbesitzers zielen. Das Album kann als Wegweiser für einen wichtigen Abschnitt des Lebenslaufes und für das Itinerar des Besitzers dienen. Hier darf darauf hingewiesen werden, daß gelegentlich auch von einer Person mehrere Alben gleichzeitig oder nacheinander geführt wer­den konnten, deren Angaben dann einander ergänzen 63 64). Ziemlich enge Grenzen für die Auswertbarkeit der Alben als bio­graphische Geschichtsquelle sind zweifellos durch den Sachverhalt ge­geben, daß das Stammbuch zwar wertvolle Orts- und Zeitangaben zum Lebensweg seines Besitzers vermitteln kann, dieser aber in seinem Al­bum — abgesehen von einem Vorspruch und etwaigen genealogischen oder sentimentalen Zusätzen zu den Eintragungen — selbst nicht zu Worte kommt. Seine Geistigkeit und seine Interessen finden in der Regel nur soweit einen Ausdruck, als sie sich in Devisen und Dedikationen von Freunden und Gönnern spiegeln, durch diese angesprochen werden. Da bleibt für uns ein großer Unsicherheitsfaktor, mag es auch für die 63) So namentlich in CVP 12.871 (Stammbuch Luzenperger, vgl. oben Anm. 46); hiezu Mazal Stammbücher 60, in geringerem Maße etwa auch in CVP 12.888 (Stammbuch Wolfgang Sinnich, vgl. oben Anm. 26) und in Add. Ms. 17.025 (Gervasius Fabrizius, vgl. oben Anm. 36). Vgl. auch Loesches Edition des Steudlin’schen Stammbuches (oben Anm. 30) in Archiv f. Reformationsge­schichte 23 (1927) 176 n. 104, 182 n. 127, 128, 187 n. 157. 64) So hatte Franz Christoph Freiherr von Teuffenbach neben seinem nun­mehr in London befindlichen Album mit Eintragungen von 1602—1651 (Egerton-Ms. 1229) ein anderes, von seinem Vater ererbtes, mit Texten von 1582—1649 (Stadtbibliothek Ulm Sign. U 8585); vgl. Zöllner Austriaca 352 f. Demgegenüber schließt das Wiener Album von Hieronymus Cöler (Vorrede 1577) im wesentlichen an das Londoner Stück (vgl. oben Anm. 52) zeitlich an.

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