Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle
Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters 165 das Stammbuch als geistesgeschichtliche Quelle entsprechend auswerten will. Eine Reihe sehr brauchbarer, zum Teil ausgezeichneter neuerer einschlägiger Arbeiten kann ihm die unentbehrliche Anleitung und Hilfe geben. Insbesondere ist hier das umfangreiche und gehaltvolle Standardwerk von Arthur Henkel und Albrecht Schöne hervorzuheben 5S). Neben dem Barocktheater58 59), neben den Graphiken und den großen Zyklen der Wandmalereien der Epoche60), neben der eigentlichen zeitgenössischen Emblemliteratur 61) können doch auch die Stammbücher — wenigstens einige von ihnen — mit Illustrationen und Devisen Einblicke in die eigenartigen, halbverborgenen, moralisierenden, pädagogischen, theologischen und auch politischen Tendenzen, in die Spannungen und Deutungen dieser Emblematik gewähren. Während in den Emblembüchern zumeist Text und Zeichnung in dreiteiliger Form miteinander verbunden sind und in der Regel unter dem Motto (inscriptio) das Bild (pictura) und unter diesem wieder ein erläuterndes Epigramm (subscriptio) sich befindet, wird das letztgenannte in den Stammbüchern in der Regel durch die persönliche Widmung des Eintragenden ersetzt. Das Emblembild aber hatte „Zitatcharakter“; als Bildzitat konnte es unbedenklicher als ein Textzitat variiert werden und damit künstlerischen Eigenwert erhalten 62). Gelegentlich ist nur das Motto aus einem Emblemwerk entlehnt und es wird im Stammbuch auf den Bildschmuck verzichtet; mitunter steht dieser auch allein. In diesen Fällen verzichtet man freilich auf ein Wesensmerkmal der echten Emblematik, auf die Verknüpfung von Zeichnung und Dichtung. Aber Beiträge emblematischen Charakters, 58) Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des 16. und 17. Jahrhunderts (Stuttgart 1967). Die Vorbemerkungen der Herausgeber gewähren eine instruktive Einführung in die Materie; wichtig sind auch die reichen bibliographischen Hinweise. Vgl. schon Albrecht Schöne Emblemata. Versuch einer Einführung in Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 37 (1963); ferner Peter Vodosek Das Emblem in der deutschen Literatur der Renaissance und des Barock in Jahrbuch des Wiener Goethevereins 68 (1964) 5 ff. 59) Albrecht Schöne Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock (München 1964). 60) Vgl. Hans T i e t z e Programme und Entwürfe zu den großen österreichischen Barockfresken in Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen 30, 1 (1911); Wilhelm Mrazek Die Ikonologie der barocken Deckenmalerei in Sitzungsberichte der österr. Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. 228, 3 (1953); Grete Lesky Barocke Embleme in Voran und anderen Stiften Österreichs (Graz 1962); dsbe Schloß Eggenberg. Das Programm für den Bildschmuck (Graz—Wien—Köln 1970). 61) Vgl. hiezu die Übersichten in den oben Anm. 57 bezw. 58 zitierten Werken von Rümann und Henkel-Schöne. 62) Vgl. die treffenden Bemerkungen von Lieselotte Möller Bildgeschichtliche Studien zu Stammbuchbildern in Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 1 (1948) 24 ff, insbes. 25; 2 (1952) 157 ff.