Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle

158 Erich Zöllner theken, in denen ein heiterer Ton vorherrscht, wollte man wohl nicht an die Sorgen des Daseins allzusehr erinnert werden, aber auch dort, wo religiöses Denken seinen überzeugenden und starken Ausdruck findet, überhaupt eine ernste Note überwiegt, tritt die konfessionelle Ausein­andersetzung der Zeit oft erstaunlich zurück. Am ehesten wird sie — be­greiflicherweise — in Exulantenalben fühlbar. Man muß allerdings zwischen unmittelbaren Bezugnahmen und mehr stimmungsmäßigem Aus­druck von Zeitproblemen unterscheiden. Die bedrängte Lage der öster­reichischen Protestanten spiegelt sich in ihren Alben eben doch in be­ziehungsreichen Bibelzitaten31). Als ein Beispiel für betontere Stellung­nahme zur konfessionellen Problematik sei das Stammbuch des Steirers Hans Jakob von Steinach erwähnt, das Eintragungen aus den Jahren 1582—1616 enthält; der Besitzer hatte überdies eine ältere Widmung Melanchthons ins Buch eingeklebt. Auf den Deckelblättern ist das Album des protestantischen Edelmannes mit Bildern Luthers und Melanchthons geschmückt32). Neben konfessionellen und politischen Überzeugungen spiegelt sich in den Eintragungen sehr oft das Standesbewußtsein des Aristokraten und Offiziers, auch das des Gelehrten. Sehr deutlich wird das Zusammenge­hörigkeitsgefühl der exulierten innerösterreichischen Adeligen im Stamm­buch von Franz Christoph von Teuffenbach; es erstreckt sich aber offen­bar auch auf die in der Heimat gebliebenen, katholisch gewordenen Stan­desgenossen, soweit man das eben aus den genealogischen Zusätzen Teuffenbachs erschließen kann33). Im übrigen zeigen die Stammbücher, Stammbuch des aus Württemberg stammenden Prädikanten David Steudlin (nunmehr CVP ser. nov. 2637), der 1618—1627 in Hernals und Inzersdorf wirkte: „Auf Verfolgung, Vertreibung und Kriege wird seltsamerweise wenig Bedacht genommen ...“. Ebenda ferner: „Außer der Bibel werden Josephus und Augustin angerufen (auf Ignatius wird angespielt); merkwürdigerweise niemals Luther; nur einmal begegnet ein Urteil über ihn.“ Ähnliches gilt wohl auch von dem anschließend von Loesche behandelten Stammbuch des Schulrektors Burckhard Brödersen, der zeitweilig in Wien, Oberösterreich und Steiermark wirkte (CVP 15.398). Vgl. die Edition beider Stammbücher im Archiv für Re­formationsgeschichte 23 (1927) 161—194 (Steudlin), 194—214 (Brödersen). 31) Diesbezüglich wären etwa aus Steudlins Album die Eintragungen nn. 16, 31, 36, 50, 51, 75, 111, 138 im Archiv für Reformationsgeschichte 23 (1927) 161 ff, anzuführen. 82) Univ.-Bibl. Graz, Cod. 1709. Vgl. hiezu Johann L o s e r t h Aus der protestantischen Zeit der Steiermark. Stammbuchblätter aus den Jahren 1582—1616 in Jahrbuch für Geschichte des Protestantismus in Österreich 16 (1895) 53 ff, insbes. 59 f. S3) Vgl. die Eintragungen über das Ableben von in der Heimat verbliebe­nen Katholiken und Konvertiten in Egerton-Ms. 1229 fol. 30 v (Franz Kheven- hüller), 45 (Adam Herberstorff), 52 v (Christoph Moritz Herberstein), 103 (Viktor Welzer), 330 (Christoph Adam v. Teuffenbach) etc. Vgl. auch die Wid­mung eines katholischen Ordensmannes (F. Aurelius Trónus) fol. 381 v.

Next

/
Oldalképek
Tartalom