Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle
Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters 159 daß es nicht zu einer strikten gesellschaftlichen Trennung von Katholiken und Protestanten kam. Ein Hauptthema vieler Alben ist selbstverständlich die Liebe in ihren verschiedenen Formen; es überwiegen übermäßig kraftvolle, frivole und zynische Formulierungen. Das Zeitalter des Grobianismus, des Renom- mierens macht sich, wenn vom schönen Geschlecht die Rede ist, oft mehr als deutlich bemerkbar. Bei dieser Gelegenheit kann auch gesagt sein, daß Alben im Besitz von Frauen in dieser Epoche offenbar Ausnahmsfälle darstellten31 * * 34), während in späterer Zeit die Poesiealben der Mädchen eine dominierende Stellung einnehmen sollten. In den Studentenalben kontrastiert Ernst des Studiums mit ausgelassener Lebensführung schon in den Mottos35); aus dem Stammbuch läßt sich gelegentlich wohl die Orientierung des Besitzers ablesen, wobei — wie etwa im Album des Salzburgers Gervasius Fabrizius von Kiesheim — im Lauf der Jahre Akzentverschiebungen deutlich werden können von den Amouren der Studentenzeit zu höfischen, ja gravitätischen Formen 36). Die Sprache der Sinnsprüche, in denen wir mit einer unendlichen Variationsbreite von Bedeutungen, Stimmungen und geistigem Gehalt konfrontiert werden, war in der älteren Zeit vorzugsweise Latein, auch griechische Zitate sind nicht selten; mitunter begegnen auch hebräische Eintragungen. Von den lebenden Sprachen sind entsprechend den auf Kavalierstouren und Studentenreisen nötigen Sprachkenntnissen besonders französisch und italienisch, auch englisch und spanisch häufiger vertreten 37). Bisweilen macht sich bei Eintragungen von Gelehrten, aber auch von Offizieren eine Neigung geltend, mit Sprachkenntnissen zu prunken. 31) Bemerkenswert ist jedoch das zierliche Stammbuch von Maria Elisabeth Hager von Allentsteig (1634—1662) CVP Ser. nov. 2609, mit vielen Beiträgen von Frauen. ss) Vgl. hiezu Keil Deutsche Stammbücher 72 ff, insbes. 91 f (Wien). Vorwiegend ernsten Charakter haben demgegenüber die Eintragungen in dem oben Anm. 28 genannten Album Otto Heinrichs von Herberstein. Das gleiche gilt für CVP 13.941, das Fragment des Albums des 1560 in Ingolstadt immatrikulierten Leobeners Daniel Dornsperger, in dem lateinische klassische Sentenzen überwiegen. Vgl. M a z a 1 Stammbücher 60. Zur Herkunft von Dornsperger (auch Donersperger) vgl. Die Matrikel der Ludwig-Maximilians-Universität Ingolstadt-Landshut-München, hg. v. Götz Freiherrn von Pölnitz, Teil I: Ingolstadt 1472—1600 (München 1937) Sp. 803: „16. Sept. 1560 Daniel Dornsper- gerus Leobinensis Stirus artium studiosus 48 den“. ss) Brit. Mus. Add. Ms. 17.025. Vgl. Zöllner Austriaca 554. 37) Hiezu bietet das Album Otto Heinrichs von Herberstein ebenfalls zahlreiche Hinweise. Im Album des Arztes Urban Zuesner (Brit. Mus. Egerton-Ms. 1187) sind neben deutschen Widmungen die klassischen Sprachen (einschließlich hebräisch) stark vertreten. Vgl. Zöllner Austriaca 356 f. Diese Sprachen überwiegen auch im Stammbuch Brödersen (vgl. oben Anm. 30).