Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle
154 Erich Zöllner Zur Orientierung über das einschlägige Schrifttum zur Materie der Stammbücher (und damit auch der Austriaca unter ihnen) wird man mit Nutzen neben älteren Zusammenstellungen vor allem einen wertvollen Literaturbericht von Hugo Schünemann heranziehen können 15). Unter den Stammbüchern der frühneuzeitlichen Epoche kann man schon nach der Anlage und äußeren Aufmachung verschiedene Typen unterscheiden. Am einfachsten war die Benützung von Heften, deren Blätter die Eintragungen der Freunde aufnehmen sollten. Wiederholt wurden aber auch illustrierte Druckwerke mit leeren Blättern durchschossen, auf die man dann auch die Widmungen und Zeichnungen setzte. Obendrein wurden mitunter auch die Illustrationen des als Staffage dienenden Werkes bemalt. Ein Beispiel dieser Art bietet etwa das heraldisch recht bemerkenswerte Stammbuch des Wiener Bürgermeisters Johann von Thaw im Britischen Museum, das den zusammengebundenen Bildwerken des Virgilius Solis (Biblische Figuren des Alten, bzw. des Neuen Testamentes und Schöne Figuren aus dem fürtrefflichen Poeten Ovidio, 1565 bzw. 1569) eingefügt wurde, während der niederösterreichische aristokratische Student Georg Wilhelm Freiherr von Hofkirchen zu Kollmitz sein Stammbuch, das ihn nach Straßburg und Padua begleitet hatte, in das von Sigismund Feyerabend zu Frankfurt 1571 verlegte Werk Bibliarum utriusque testamenti icones, summo artificio expressae, Historias sacras ad vivum exhibentes ... einbinden ließ 16). Schließlich aber gab es richtige Musterbücher: Vordrucke, die neben verschiedenen Stichen oder Holzschnitten auch weiße Blätter mit Randleisten oder leergelassenen Wappenschildern enthielten, die dann für schriftliche Eintragungen und Zeichnungen genutzt werden konnten. Diese von vornherein für die Anlage von Stammbüchern bestimmten Werke — oft von sehr erheblichem künstlerischem und kulturhistorischem Wert —, deren Reihe, wie es scheint, durch den Thesaurus Amicorum des Jean de Tournus (1558) eröffnet wurde, erfreuten sich, wie etwa die Emblemata Nobilitatis des Theodor von Bry, erheblicher Popularität, wurden viel 15) Hugo Schünemann Stammbücher (Schrifttumsberichte zur Genealogie und zu ihren Nachbargebieten 2/3, 1965) 67 ff. i«) Zöllner Austriaca 347; Album Thaw (Brit. Mus. Egerton-Ms. 1194) bzw. österr. Nationalbibliothek Wien, CVP 9689 (Album Hofkirchen). Georg Wilhelm Freiherr von Hofkirchen zu Kollmitz (Niederösterreich) war Sohn von Wilhelm Frh. v. Hofkirchen und Eva v. Pögl. Vgl. Stammtafel in Topographie von Niederösterreich 5 (Wien 1903) 307. Über sein italienisches Studium vgl. Arnold Luschin von Ebengreuth in Blätter des Vereins für Landeskunde NF 14 (1880) 411 n. 248. — Rosenheim Album Amicorum 252 f verweist auf die dreizehn Stammbuchblätter des österreichischen Aristokraten Christoph von Teuffenbach (mit Eintragungen von 1548—1568), die Melanchthons Druckwerk Loci communes Theologici (Leipzig 1548) eingebunden wurden. Hiezu nunmehr Richard G. Salomon, The Teuffenbach copy of Melanchthon’s Loci Communes in Renaissance News 8 (1955) 79 ff.