Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
WIESFLECKER, Hermann: Das älteste russische Originaldokument in Österreich?
Das älteste russische Originaldokument in Österreich? 149 Der Gesandte Thurn machte sich allerdings mit größten Bedenken auf die Rückreise. Ohne daß er die Vollmacht zu endgültigen Abschlüssen besessen hätte, war ihm vom Großfürsten ein mit goldener Bulle gesiegeltes fertiges Instrument in die Hand gedrückt worden 30), das er dem Römischen König zur Ratifikation empfehlen sollte. Es hatte noch andere Schwierigkeiten gegeben: Maximilian hatte sich bei der Sendung Thurns um den alten Kaiser und dessen Gesandten Poppel nicht gekümmert, der sich geschäftig und eifersüchtig, wie er war, als Gesandter des alten Kaisers wieder ins Geschäft zu bringen suchte 31). Mit eigenen Briefen und Botschaften suchte er Thurns Verhandlungen zu stören; übrigens nicht der einzige Fall, wo sich die Politik des Kaisers und die des Königs gegenseitig hemmten. Ivan III. aber war klug genug, den zudringlichen Poppel abzuweisen und zu erfassen, daß es im Reich nun schon mehr auf den jungen König, weniger auf den alten Kaiser ankam. Die russischen Gesandten trafen im Frühjahr 1491 auf dem Reichstag zu Nürnberg ein, wo sie sich bemühten, alle Bedenken über den fertigen Bündnisvertrag zu zerstreuen und den Römischen König zur Ratifikation zu bewegen. Man konnte an Maximilians Bereitwilligkeit mit Recht zweifeln; denn während Maximilian unter dem Zwang der Lage seinen Feldzug gegen Ungarn geführt32 33) und die gesamte jagiellonische Macht auf sich gezogen hatte, war Großfürst Ivan III. ruhig in Moskau sitzen geblieben. Zum voreiligen Eingreifen ließ sich dieser kluge Fürst nicht hinreißen, denn es gab außer der ungarischen Frage noch viele andere, die ihn vom Römischen König nicht minder trennten als von Polen. Als aber 1490/91 infolge der Rückschläge in der Bretagne3S) der ungarische Feldzug unterbrochen und der Osten mittlerweile abgesichert werden sollte 34), dachte Maximilian an eine große Koalition aller jagiel- lonenfeindlichen Mächte 35). Er nahm daher den fertigen russischen Bündnisvertrag, den Thurn mit so viel Bedenken überbracht hatte, freudig auf und zögerte keinen Augenblick, alle Förmlichkeiten der Ratifikation genau zu erfüllen, welche die mißtrauischen Russen von ihm forderten. Am 22. April 1491 wurde der russische Vertrag in Nürnberg feierlich unterzeichnet 36), unter den von den Russen gewünschten religiösen Formen 30) Ebenda 49. 31) Vgl. den Brief Poppels von 1490 Juni 16 Nürnberg an Ivan III., ebenda 52—56. 32) Wiesflecker Maximilian 1, 288ff; dsbe Ungarnunternehmen passim. 33) Wiesflecker Maximilian 1, 327 ff. 3«) Ebenda 296 ff; S t o y 13 f. 35) (Denkmäler) 1/1, 73—80; Karge 273 f; Stoy 13 f; Bazilevic 271; Fennell 127 f; Höflechner 1, 134 ff, 180 ff. 36) Vgl. den Bericht der russischen Gesandten an den Großfürsten: (Denkmäler) 1/1, 64 f, 68; Ulmann 2, 503 f; Karge 272; Bauer 69.