Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Rezensionen 529 eigene Fragen zu stellen, ein Problem gedanklich zu erfassen, scheint unter den Historikern weit verbreitet zu sein. So kommt es bei C. zu eklatanten Widersprüchen. Hatte er auf S. 246 den Protest der Kirchen gegen die Gewaltherrschaft gefordert, so heißt es auf S. 346: „Weder der Klerus noch die Laien hatten den Mut oder die Möglichkeiten, die Kirche gegen die wohlgerüstete Macht des Nationalsozialismus zu mobilisieren, womit sie ja die Existenz der eigenen Institutionen aufs Spiel gesetzt hätten.“ Dieser Satz besagt genau das Gegenteil, er verzichtet auf jeden Mutbeweis und bringt die Rücksicht auf die eigenen, kirchlichen Interessen ins Spiel. Aber er ist auch in sich unlogisch: Wenn ich gar keine Möglichkeit zum Protest habe, ist die Frage nach dem Mut irrelevant. Auch hier gilt es zu differenzieren. Daß die Kirchen sehr wohl die Möglichkeit zum Protest hatten, beweisen die drei Reden des Bischofs von Galen (Münster) aus dem Jahre 1941, in denen er Gestapo-Willkür und Euthanasie angriff, und keineswegs vergeblich: Die Tötung kranker Menschen hörte danach weitgehend auf. An diesen Predigten ließe sich die Möglichkeit eines Widerstandes im Dritten Reich hervorragend zeigen. Diese Chance hat sich C. entgehen lassen, als Folge ergibt sich das Schwanken zwischen harter Kritik und Apologie. Der Widerstand sei im Polizeistaat nicht möglich, liest man. Dann aber wird sofort das Beispiel Martin Niemöllers erwähnt, der wegen seines Festhaltens am christlichen Glauben sieben Jahre im KZ verbrachte (S. 347). Hier muß man prinzipiell unterscheiden zwischen politischem und geistlichem Widerstand, und man muß zugleich die Frage stellen, ob in einem totalen Staat der geistliche Widerstand nicht zugleich ein politischer ist. Die Arbeit Zahns (siehe oben) hat über das Verhältnis vom Nein bei der Abwehr in Glaubensfragen zum Ja gegenüber der NS-Gewaltherrschaft wichtige Hinweise gegeben. Trotz der zum Teil widersprüchlichen und unklaren Sätze wird die Darstellung C.s für einige Zeit so etwas wie ein Standardwerk sein. Denn das eigentliche Thema, die kirchenpolitischen Methoden und Absichten der Machthaber, wird klug und exakt behandelt. Harald Just (Augsburg) Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte Alphons Lhotsky, Aufsätze und Vorträge. Ausgewählt und hg. von Hans Wagner und Heinrich Koller. Band 1: Europäisches Mittelalter. Das Land Österreich. Mit einer Einleitung von Hans Wagner. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1970. 388 Seiten. Um die volle Bedeutung Alphons Lhotskys zu erfassen, der 1967 aus dem reichsten Schaffen durch Krankheit und Tod herausgerissen wurde, müssen neben den großen, bekannten Hauptwerken — der Geschichte des Kunsthistorischen Museums, der Edition der Cronica Austrie des Thomas Ebendorfer, der Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs, der Österreichischen Historiographie und der Geschichte Österreichs, Mitteilungen, Band 24 34