Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
528 Literaturberichte Christentum in Deutschland auszurotten.“ Genau an diesen Fahrplan hat sich das Regime gehalten. Es schloß mit beiden Kirchen einen Scheinfrieden, arbeitete jedoch unablässig daran, den kirchlichen Raum einzuengen. Unter diesen Umständen war auch das Konkordat nicht viel wert. Wie das Schicksal der Kirchen nach einem siegreichen Weltkrieg ausgesehen hätte, kann man sich vorstellen. Auch für sie hätte es eine Endlösung gegeben. Das Teuflische dieses Sachverhalts ist die Tatsache, daß man den Vernichtungswillen hinter einer scheinbaren Konzilianz verbarg. C. hat in diesem Zusammenhang besonders Person und Politik von Hanns Kerrl herausgearbeitet, jenes Mannes, der 1935 zum Minister für kirchliche Angelegenheiten bestellt wurde und von der Notwendigkeit der kirchlichen Existenz durchaus überzeugt war. Kerrl bemühte sich, die schlimmsten Auswüchse der Kirchenfeindlichkeit seitens der Partei und der SS zu beseitigen, wußte sich jedoch kaum gegenüber Männern wie Rosenberg, Himmler und Heydrich durchzusetzen, fand auch keine Unterstützung bei Hitler, der ihn kaum empfing. „Während Kerrl und sein Ministerium nach Wegen suchten, um gute Beziehungen zwischen Kirche und Staat herzustellen, taten die Parteiorgane alles, um gerade dieses zu unterminieren“ (S. 153). Durch diese Schikanen fiel dem Reichskirchenminister eine wenig beneidenswerte Rolle zu. Die Grundhaltung des Vf.s verdient durchaus Respekt. Er schildert nicht nur die Unterdrückungsmethoden der Verantwortlichen den Kirchen gegenüber, er fragt auch nach deren Reaktion. Die Urteile fallen mit der notwendigen Härte aus: „Der ganze erbärmliche Prozeß der Anpassung und der Kompromißbereitschaft, der seit 1933 angedauert hatte, fand nun seinen konsequenten Schluß, als die Kirchen sprachlos und verwirrt dem Überfall Hitlers auf Polen im September 1939 Zusehen mußten und nicht fähig waren, den Mut und die Initiative zu einem Protest aufzubringen“ (S. 246). Schon dieses Zitat zeigt allerdings zugleich die Unsicherheit des Autors bei seinen Bewertungen. Denn obiger Satz enthält zwei bedenkliche Fehler. Erstens: die Kirchen waren beim Überfall auf Polen keineswegs sprachlos, sie haben vielmehr sehr beredt ihre Ansichten geäußert, sie forderten, ohne jegliche Notwendigkeit, zur Soldatenpflicht des Gehor- chens auf und erschwerten so die Frage, ob dies denn ein gerechter Krieg sei oder nicht. Sie hielten es also für notwendig, sich über politisch-militärische Dinge auszulassen. Und zweitens: es ist grundsätzlich zu fragen, ob man von den Kirchen einen offiziellen Protest verlangen durfte. Das laute Nein in einem totalen Staat bedeutet die Wahrscheinlichkeit des Märtyrerschicksals; wer aber hat das Recht, dieses von anderen Menschen zu fordern? Die Kirchen gingen m. E. gegenüber dem Nationalsozialismus in die Irre, weil sie sich in politischen Fragen kein Schweigen auferlegten, nicht weil sie keinen Mut zum Protest gehabt hätten. Das ist ein feiner, aber wesentlicher Unterschied. Daß C. sich auf diese mehr philosophisch-moralischen Fragen gar nicht einläßt, halte ich für den einzigen Fehler seiner gründlichen, gut belegten Arbeit. Die Gewohhneit, sich ganz den Akten anzuvertrauen und niemals