Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
526 Literaturberichte den, und die Wünsche der bulgarischen und der türkischen Delegation in Brest-Litovsk, wobei letztere in der Schlußphase der Verhandlungen mit Rußland erwähnt werden (S. 116), streifen können. Mit Recht weist der Autor anläßlich einer kurzgefaßten Schilderung der innenpolitischen Situation des Habsburgerreiches darauf hin, daß bei weitem brennender als Nationalitätenproblem und Ausgleich mit Ungarn die Sorge um die Ernährungslage der österreichischen Bevölkerung auf dem Land lastete, und illustriert diese Problematik mit ausführlichen ernährungsstatistischen Angaben (S. 29 f). Dieses auf den ersten Blick vielleicht als Abschweifen erscheinende Eingehen auf Randfragen kann nur dazu führen, einen grundlegenden Wert der Arbeit zu erkennen: Kein Faktum wird oberflächlich-gekonnt eingeworfen, sondern exakt belegt, selbst trockene Zahlenreihen werden einander gegenübergestellt, um für sich selbst zu sprechen. Das gilt etwa auch für die detaillierte Statistik der Streikbewegung im Jänner 1918 (S. 87 f), die den Stand der österreich-ungarischen Delegation in Brest bedeutend erschwerte. Auf die eigentlichen Unterhandlungen braucht nicht näher eingegangen zu werden; ihre Darstellung entwirrt, anschaulich mit Beispielen aus den Quellen untermauert, die verworrenen Fäden, die von Protokollen, Berichten und Erinnerungen gesponnen wurden. Das Hauptaugenmerk wurde dabei der Ukraine gewidmet, wie sich ja aus der Themenstellung ergibt, die eine starke Berücksichtigung des ukrainischen Staates, wenn er auch Episode blieb, als direkten Nachbarn der Donaumonarchie an der Ostfront legitimiert. Und hier erweist sich B. als bestinformierter Spezialist, wobei seine einschlägigen Sprachkenntnisse innerhalb der jungen Generation österreichischer Historiker nicht hoch genug in Rechnung gestellt werden können. Wenn er aber den Vierbundmächten vorwirft, daß sie im Sommer 1918 — gemessen in Tonnen — erheblich weniger an die Ukrainische Volksrepublik lieferten, als sie von dieser erhielten, obwohl sie nach Artikel VII, § 1 des Friedensvertrages zur äquivalenten Lieferung der industriellen Überschüsse verpflichtet waren (S. 125), so muß dem entgegengehalten werden, daß sich das Attribut äquivalent auf den Wert der Waren bezogen haben dürfte, wobei der von landwirtschaftlichen Maschinen eben höher zu veranschlagen ist als der einer gleichen Gewichtsmenge Getreide. Es bleibt aber unwidersprochen, daß sich die Mittelmächte auch wertmäßig tatsächlich mehr holten, als sie der Ukraine überließen. Die Haltung des Autors den sowjetischen Verhandlungspartnern gegenüber, die er ganz bewußt in die zweite Reihe stellt, trägt der damaligen Situation vollinhaltlich Rechnung. In Brest-Litovsk saßen einander zwei derartig grundverschiedene politische Systeme gegenüber, daß es nur dem Geschick — und respektiven Friedenswillen — der Delegationsführer zugeschrieben werden muß, wenn zeitweilig doch eine gemeinsame Sprache gefunden werden konnte. Die Entscheidung zwischen Sozialismus in einem Land und Weltrevolution, vor die sich die bolschewistische Führung gestellt sah, klingt ebenso an (S. 118) wie die psychologische Zwangslage der Mittelmächte (S. 119), auf Grund derer allein es zu dem Diktatfrieden kommen konnte. Hier sei wieder ein kleiner Einwand