Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg

522 Literaturberichte Peter Schuster, Henry Wickham Steed und die Habsburgermonarchie. (Ver­öffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 53.) Ver­lag Hermann Böhlaus Nachf., Wien—Köln—Graz 1970. 208 S. Es war eine glückliche Idee, den großen und einflußreichen britischen Journalisten Henry Wickham Steed, einen der scharfsichtigsten, wenn auch keineswegs vorurteilslosesten Kenner der Habsburgischen Monarchie, zum Gegenstand einer Dissertation zu wählen. Das Lebenswerk Steeds, soweit es sich auf Österreich bezieht, zerfällt in zwei ziemlich klar be­grenzbare Teile. Einmal ist hier seine Tätigkeit als diplomatischer Kor­respondent während der inhaltsreichen Krisenjahre von 1902 bis 1913 zu nennen, zum andern seine schriftstellerischen Arbeiten, in erster Linie die im kaiserlichen Österreich verbotene Hapsburg monarchy von 1913 und die Lebenserinnerungen Through thirty years von 1924, die 32 Jahre vor Steeds Tod veröffentlicht wurden. Beide Aspekte seiner Tätigkeit sind von hohem Interesse, und beide werden auch vom Vf. mit gleich vorbild­licher Objektivität behandelt. Während aber Steeds diplomatische Bericht­erstattung mit großer Gründlichkeit kritisch beleuchtet wird, werden seine gesellschaftskritischen Beobachtungen hauptsächlich rein referierend be­handelt. In dieser Hinsicht könnte ein weiterer Ausbau, beziehungsweise eine Fortsetzung von Schusters Studie viel Interessantes bieten. Hinsichtlich der diplomatischen Berichterstattung Steeds, die sich vor allem und stark kritisch auf die Amtsführung des Grafen Aerenthal kon­zentriert, wäre anzumerken, daß der Vf. Steed vielleicht zu sehr als eine Art inoffiziellen Vertreter der englischen Außenpolitik ansieht. Nun war, wie Sch. mit Recht hervorhebt, Steed gewiß ein englischer Patriot, und seine Kontakte zum Foreign Office und zur englischen Botschaft in Wien waren eng; trotzdem konnte man die London Times keineswegs als Re­gierungsorgan, vergleichbar etwa dem damaligen österreichischen Frem­denblatt, der Wiener Zeitung oder in außenpolitischen Fragen unter Aeh- renthal der Neuen Freien Presse, ansehen. Die antideutsche, antimagya­rische, proitalienische und proslawische Linie von Steeds Berichterstattung stimmte wohl nicht selten mit der Regierungspolitik überein, keineswegs aber repräsentierte sie im großen und ganzen den Regierungskurs. Die Folgerichtigkeit Steeds, namentlich in seiner österreichfeindlichen Haltung seit der Annexionskrise von 1908/09, spiegelt sich in der englischen Außenpolitik keineswegs durchgehend wider. Trotzdem ist des Vf.s Dar­stellung der politischen Auffassung Steeds, in der brilliante Lagebeschrei­bungen und Vorhersagen mit krassen Fehlschlüssen wechseln, von hohem Wert. Dies gilt insbesondere für Steeds Beurteilung der Vertretung der englischen Außenpolitik in Wien. Wenn man also vorliegende Arbeit im großen und ganzen als außer­ordentlich bedeutsamen Beitrag zur Geschichte der letzten Vorkriegsjahr- zehnte begrüßen kann, so heißt dies darum nicht, daß diese Studie nicht noch besser hätte sein können. Dies bezieht sich vor allem auf die Aus­nützung der Quellen. Das Schwergewicht der Arbeit liegt hier durchaus auf gedruckten Quellen, vor allem aber der Sekundärliteratur. Nun stand dem Autor wohl der — offensichtlich wenig ergiebige — im Besitz der Familie Steed befindliche Teil des Nachlasses des großen Journalisten

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