Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg

518 Literaturberichte im Sinne des Buches noch wichtigere Ursache für die Entstehung des auf­geklärten österreichischen Staatskirchentums ist nicht so sehr der Staat, sondern der in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts sich auch in Österreich vollziehende gesellschaftliche Strukturwandel, in dessen Folge sich immer stärker das Aufsteigen des gehobenen Bürgertums und zugleich der Ab­stieg des hohen Adels von den bisher eingenommenen Positionen in Staat und Gesellschaft vollzieht und in den Fünfzigerjahren nach der Staatsre­form von 1749 einen gewissen Höhepunkt erreicht. Man ist fast versucht, hiebei an ähnliche Erscheinungen in Frankreich in der 2. Hälfte des Jahr­hunderts zu denken. Aber wie es dort für den wirklichen Ausbruch der Re­volution von 1789 eines günstigen Momentes und eines konkreten Anlasses bedurfte, so konnten solche anonymen Kräfte in Österreich die Entstehung eines staatskirchlichen Verwaltungssystems wohl begünstigen und viel­leicht auf die Dauer möglich machen, aber es wirklich zu schaffen und ins Werk zu setzen, waren sie nicht in der Lage; das konnte eben nur der Staat, also die Herrscherin, die sich dazu 1761 entschloß und für die Ausführung die ihr geeignet erscheinenden staatlichen Mitarbeiter be­rief, aber auch wieder entlassen oder wenigstens entmachten konnte, wofür gerade das von der Vfn. beschriebene Schicksal van Swietens ein bezeichnendes Beispiel liefert. Ich habe dann schon des öfteren darauf hingewiesen, daß der Josephinismus wenigstens am Anfang keine bloße reformfreundliche, antibarocke, jesuitenfeindliche und projansenistische Geistesbewegung war, sondern, wie schon vor hundert Jahren ein Abge­ordneter im österreichischen Parlament bemerkte, ein staatliches Regie­rungssystem, das sich zwar in der Theorie auf verschiedene kirchenrecht­liche Doktrinen berief, aber in Wirklichkeit keiner anderen Quelle als der damals herrschenden Staatsauffassung entsprang, die aber von der Kaiserin nicht in den frühen Fünf ziger jahren, sondern in globo erst in den früheren und im einzelnen in den späteren Sechzigerjahren angenom­men wurde. Wenn man dafür von der anderen Seite (HZ 212 [1971] 164) einwirft, daß ich „an den eigentlichen Problemen dieser Jahre, wie sie durch den Übergang des alten feudalen Staates zum modernen, von Beamten regierten Leistungsstaat und die Rückwirkungen auf das Ver­hältnis von Staat und Kirche hervorgerufen wurden“, vorbeigehe, so kann ich solche Kritiker nur daran erinnern, daß ich schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen habe, daß die verantwortliche österreichische Staats­führung die mehrmals angebotene Mitarbeit der Kirche an diesem Werk, das nicht nur den Staat, sondern auch die Kirche anging, verweigert und das bisher geltende Recht einfach gebrochen und die Kirche vergewaltigt hat. Deshalb ist die Frage nach der „Schuld“ der Verantwortlichen gar nicht so müßig. Es ist schlechterdings unmöglich, an dieser Stelle auf weitere Ein­zelheiten der besprochenen Arbeit einzugehen und diese anerkennend oder kritisch zu betrachten. Neben der falschen Angabe des Namens des Prop­stes von St. Dorothea —- er schrieb sich Miller, nicht Müller — möchte ich nur noch anmerken, daß gewisse jansenistenfreundliche Kreise in Rom sehr wohl wußten, warum sie das Büchlein Muratoris von der wahren Andacht des Christen mit so uneingeschränktem Lob bedachten. Zur

Next

/
Oldalképek
Tartalom