Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Rezensionen 509 eines Titels in der Zeit seiner Anwendung“ zu deuten (S. 22), er geht auch der Vorgeschichte und der Herkunft des Titels nach und kann damit sein Thema aus dem engen und eigensten Gebiet der Urkundenlehre in die Geistesgeschichte und in den Bereich der politischen Ideen ausweiten. Da er dabei die Möglichkeiten der historisch-philologischen Methode geschickt und exakt zu beherrschen weiß, verliert er auch bei diesen seinen Forschungen nicht den Boden unter den Füßen. Die aus dieser Sicht nach einer informativen Einleitung über Probleme und Methoden gebotenen Kapitel über „Herkunft und Bedeutung des Funktionstitels rex“ und über den flavischen Königstitel, die die Grundlagen des gesamten Werkes bilden, sind nicht nur in ihrer Durchführung musterhaft, sondern müssen auch als besonders aufschlußreiche Lektüre herausgestrichen werden. Auf diese Abschnitte dürfen die Hilfswissenschaften mit Nachdruck verwiesen werden — hier sind neue Wege beschritten, die Fortschritte verheißen. In der Folge befaßt sich dann W. mit den Königstiteln der Ostgermanen und Langobarden, um sich dann fränkischen, bairischen und langobardischen Titeln zuzuwenden. In diesen Teilen finden wir, wie wir auch erwarten, Auseinandersetzungen mit dem „Vir-inluster-Problem“, eine Abhandlung zur „Gratia-Dei-Formel“, Bemerkungen zum „Patricius-Romanorum-Titel“, um auf jene Abschnitte zu verweisen, die gängigen Fragen gewidmet sind. Abgesehen von den eingangs unterstrichenen Vorzügen verdienen die Forschungsergebnisse zum bairischen, aber auch zum merowingischen und karolingischen Urkunden wesen besondere Beachtung. Weniger ausgefeilt scheinen jene Partien, die den Zuständen bei den Langobarden gewidmet sind. Wie schwer es ist, die Belege, die auf der Apenninenhalbinsel entstanden, zu sichten und zu interpretieren, rief uns jüngst erst wieder Deér in Erinnerung. Mitunter ist W. auch schwerer zu verstehen, da er zu einer von der Philosophie übernommenen Verdichtung der Sprache und wissenschaftlichen Terminologie neigt. Er kann daher zwar oft auf längere Ausführungen verzichten, wenn die Zusammenhänge aber an sich schon verschlungen und verworren sind, ist dann die Gefahr eines Mißverständnisses doch groß. Manchen Gedanken begreift man in einem Satz besser als in einem Wort, mag es auch noch so gut gewählt sein. Doch diese Einwände wiegen wenig im Vergleich zur Leistung, die ohne Vorbehalte anerkannt werden muß. W. hat nicht nur für die Urkundenlehre, sondern vor allem auch für jene Vorstellungen, die die Grundlagen der politischen Gemeinschaften des Frühmittelalters bildeten, ganz wichtige Aussagen machen können und verdient daher den Dank unserer Disziplin. Heinrich Koller (Salzburg) Eckhard Müller-Mertens, Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter. Hermann Böhlaus Nachf., Wien—Köln—Graz 1970. 416 S. Die Frage nach Zeitpunkt und Ursachen der Entstehung des deutschen Reiches hat die deutsche Geschichtswissenschaft seit dem vorigen Jahrhundert, man kann fast sagen andauernd, beschäftigt (vgl. zuletzt H. J. Bartmuss Die Geburt des ersten deutschen Staates. Ein Beitrag zur