Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg

506 Literaturberichte suchung nicht entgangen, die Ministerratsprotokolle als Beweise für durchaus richtige Thesen zu verwenden. Das ist verfehlt. Ihre Funktion liegt auf einer ganz anderen Ebene, sie stellen kein Modell dar, an dem sich der Gestaltwandel des Ministerrates in den ersten 20 Jahren der Re­gierung Franz Josephs dokumentieren läßt. Walter Goldinger (Wien) Die Regierung der Volksbeauftragten 1918/19. Eingeleitet von Erich Matthias, bearb. v. Susanne Miller unter Mitwirkung von Heinrich Potthoff. (Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. 1. Reihe: Von der konstitutionellen Monarchie zur parlamentarischen Repu­blik, Bd. 6, Teil I—II.) Droste Verlag, Düsseldorf 1969. CXCVIII und 399, X und 408 S. Die deutsche Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bad Godesberg hat in den letzten Jahr­zehnten eine stattliche Reihe von Veröffentlichungen aufzuweisen. Ihre Arbeiten bilden neben der wissenschaftlich-historischen Zielsetzung auch für die Reifung des demokratischen Geschichtsbewußtseins in der Bundes­republik ein wesentliches Element. Eine ähnliche Institution wäre in Öster­reich sehr vonnöten (vgl. MÖStA 22 [1969] 348). Neben zahlreichen Darstellungs-Bänden kann sie auch auf einige monumentale Quellenver­öffentlichungen als Hilfsmittel und Grundlagen für die weitere Forschung hinweisen. Dies gilt auch von dem vorliegenden Werk, das vor allem eine unver­kürzte Veröffentlichung der Protokolle der von Ebert geführten ersten republikanischen Regierung in Deutschland 1918/19 bietet. Dazu kommt noch eine Auswahl ergänzender Quellenstücke aus öffentlichem und privatem Besitz; sogar im Vorwort werden noch zwei ergänzende Doku­mente ediert. Die Einleitung von Matthias ist meisterhaft abgefaßt. Mit Recht weist er auf die historische Renaissance hin, die die deutsche Revolution in den letzten Jahren erlebte. Auch die Linzer Konferenz der Historiker der Arbeiterbewegung hat sich 1971 mit diesem Thema befaßt, wobei die Kontroversen zwischen den Wissenschaftlern aus beiden deutschen Staa­ten im Vordergrund standen. Die Dokumente illustrieren eine bedeutende verfassungsgeschichtliche Übergangsperiode, die gekennzeichnet ist von merkwürdigen Legitimitäts­skrupeln der Sozialdemokraten. Matthias vermittelt prägnante Charakter­bilder der beteiligten Personen und befaßt sich eingehend mit dem Auf­bau und der Arbeitsweise der neuen Regierung und ihre Stäbe. Er unter­sucht, wie weit die Zusammenarbeit der Ressorts funktioniert hat, und umreißt die problematischen Kompetenzfragen der einzelnen Institutionen und Kommissionen. Dabei ergeben sich auch interessante Aspekte der Machtverhältnisse. Die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Groener kann nicht als Instrument der Exekutive bezeichnet werden; sie stand vielmehr mit dieser auf gleichem Fuß und bildete mit ihr faktisch ein Bündnis gegen den „terroristischen Bolschewismus“. Ebenso legten die föderalistischen Kräf-

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