Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Rezensionen 505 Das große österreichisch-ungarische Gemeinschaftsunternehmen der Edition der Protokolle des österreichischen Ministerrates ist angelaufen. Bisher liegen ein Einleitungs- und ein Textband vor. Über letzteren ist im Grunde nicht viel zu sagen. Er bringt in wohlgestalteter Editionstechnik die Protokolle über 56 Ministerratssitzungen, fallweise auch mit Beilagen, aus dem ersten Zeitabschnitt des Kabinetts Belcredi, dessen Aufgabe es war, den zentralistischen Einheitsstaat in die Formen des Dualismus überzuleiten. Beigegeben ist ein knapper, aber wie jeder Fachmann weiß, sehr mühsam zu erarbeitender, darum umso dankenswerterer Kommentar. Wer die Mühe einer kontinuierlichen Lektüre scheut, wer sich auf das Nachschlagen beschränken will, wofür ein ausgezeichnet gearbeitetes Register alle Hilfe bietet, wird doch an der von F. Engel-Jánosi verfaßten Einleitung nicht Vorbeigehen dürfen. Ein Forscher, der seit seinen Erstlingsarbeiten (Rechberg, Hübner) gerade mit den Problemen der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts österreichischer Geschichte aufs engste vertraut ist, zieht hier die Summe aus den 56 Protokollen. Das Bild, das sie vermitteln, ist bestimmt nicht farbenprächtig, es tritt mehr der politische Alltag in den Vordergrund. Außenpolitische Fragen klingen nur selten an, und von der drohenden Kriegsgefahr hat selbst der Ministerpräsident zumeist nur über Nebengeleise Kenntnis erhalten. Doch wäre es verfehlt, das Erträgnis der vorliegenden Edition zu unterschätzen. Wie Engel-Janosi mit Recht hervor hebt, wird sogar die soziale Entwicklung jenes Jahrzehnts beleuchtet. Auch zur Charakteristik des Kaisers, seiner Regierungsmethode, seiner von Thun bis Kielmansegg immer wieder beklagten Hast und Ungeduld, worunter auch Belcredi zu leiden hatte, finden sich beachtenswerte Belege. Wer sich also der Grenzen bewußt ist, die bestehen und die auch von noch so ambitionierten Editoren nicht überwunden werden können, wird in keiner Weise enttäuscht sein. Es war daher angezeigt, der Edition einen Einleitungsband voranzustellen, der die vielschichtige Problematik der Ministerratsprotokolle für den gesamten Zeitraum von 1848 bis 1867, mit Streiflichtern auch darüber hinaus, aufwirft. Dabei geht es um quellenkundliche Fragen, Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit. Hier hat der Bearbeiter interessante und zutreffende Akzente gesetzt. Besondere Beachtung verdient die Gegenüberstellung des preußischen Konstitutionalismus und der Ausprägung des monarchischen Prinzips im österreichischen Neuabsolutismus. Hingegen ist der Versuch, die österreichischen Miinsterratsprotokolle auch nach der aktenkundlichen Seite zu untersuchen, nicht gelungen. Das ist bedauerlich, weil dies ja für die Protokolle des gemeinsamen Ministerrates in eindrucksvoller Weise und mit Erfolg bereits geschehen ist. M. Komjáthy hat hier eine sehr beachtliche Vorarbeit geleistet. Rumpler ist ihm auf diesem Wege nicht gefolgt. Er kommt daher zu falschen Thesen, schreibt den Ministerratsprotokollen eine Funktion zu, die sie nie gehabt haben, und steht auch mit der aktenkundlichen Terminologie auf Kriegsfuß. Im einzelnen kann hier darauf nicht eingegangen werden, darüber handelt Rez. in einem eigenen Aufsatz in der Zeitschrift Scrinium 1971. So beachtliche Ergebnisse die Arbeit Rumplers über die Stellung des Ministerrates in der Ära des Neuabsolutismus bringt, ist sie doch der Ver-