Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
496 Literaturberichte liehen und unverantwortlichen politisch-wirtschaftlich-militärischen Zirkeln des Wilhelminischen Reiches. F. kann sich dabei auf Vorarbeiten vor allem des Schweizer Historikers Adolf Gasser stützen 3). Hier vereinigen sich bereits im Planungsstadium die wesentlichen Elemente des deutschen Kriegsimperialismus. F. verweist auf die wachsenden Schwierigkeiten der deutschen Expansion, auf die Konkurrenz Frankreichs und Englands und belegt im 14. Kapitel, das ein Herzstück des vorliegenden Werkes bildet, mit vielen Tabellen und Karten seine Thesen. Die Krise der deutschen Handelspolitik führt im Frühjahr 1914 zu einer großen Diskussion. Jetzt geht man auch daran, in den Monaten vor Sarajevo, die slawische Gefahr zu beschwören und aufzubauen. Große Bedeutung mißt F. der letzten Begegnung Wilhelms II. mit dem Thronfolger Franz Ferdinand in Konopischt bei, wogegen er den Abmachungen der Entente offensichtlich kein so entscheidendes Gewicht zubilligt. Nicht offiziell, aber völlig abgerundet liegen bei Kriegsausbruch die Großraumvisionen vor, die bald die ersten Phasen der Kriegszielpolitik der deutschen Regierung bestimmen werden. Abschließend weist F. überzeugend nach, wie die Überfallsthese als Motor für die Kriegsbegeisterung und Kriegszielpolitik genützt wurde. In einer objektiven Analyse der Julitage weist er diese These als reine Propagandaerfindung zurück. Von Anfang an stand jedoch nach F. als Kriegsziel eine Neuordnung Europas unter deutscher Führung fest. Der Blitzkrieg scheiterte, die Illusionen blieben ... Vieles wird auch an diesem Buch Widerspruch hervorrufen. So könnte man sich vorstellen, daß sich die Kritik an der schonenden Behandlung der Politik der späteren Feinde seitens F.s reibt. Vieles muß offen bleiben. Neue Quellen sind noch zu erschließen, denken wir etwa an das Verhältnis zu Italien. Damit wird man manches schärfer und vielleicht auch anders sehen. Vieles, was F. anführt, blieb auf der Ebene der — manipulierten — öffentlichen Meinung stecken, nicht alles wurde jemals offiziell akzeptiert. Außerdem wird man immer wieder daran erinnern müssen, daß die große Wendung erst 1916/17 mit der Änderung des Kriegscharakters in einen wirklich totalen Krieg erfolgte. Er bildete ein kaum durchschaubares neues Moment in einer technisierten Welt. Dies sollte man bei der weiteren Diskussion, die vor allem dank dem neuen Werk F.s hoffentlich nicht so bald verstummen wird, nicht aus dem Auge verlieren; vor allem, wenn es wieder um die leidige Kriegsschuldfrage geht. Um dieses affektgeladene Problem geht letzten Endes auch die kleine Studie von Kann über Franz Joseph. Der Vf. schöpft dabei aus dem in Stanford verwahrten Nachlaß des bekannten Journalisten Dr. Heinrich Kanner, namentlich aus Interviews, die der Publizist in den Jahren 1915 bis 1918 mit Bilinski, aber auch mit Auffenberg gehalten hat. Die Informationen, die der Redakteur dabei erhalten hat, bildeten sozusagen mit die Unterlage für sein umstrittenes Werk 3) Vgl. Adolf Gasser Deutschlands Entschluß zum Präventivkrieg 1913/14 in Discordia Concors. Festschrift für Edgar Bonjour (Basel 1968) 173 ff.