Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Sammelreferate 497 Kaiserliche Katastrophenpolitik (1922), das sich in erster Linie gegen Franz Joseph als Hauptkriegstreiber und Zerstörer der Monarchie richtete. Es handelt sich somit um eine journalistische Quelle und um ein Bild, das durch mindestens zwei Prismen gefiltert ist. Der Vf. kann dabei selbst nicht umhin, die Zuverlässigkeit der Aussagen Bilinskis — diese sind die gravierendsten — nicht allzuhoch zu veranschlagen. Nach Kanner, bzw. Bilinski und Auffenberg, war der Kaiser im Sommer 1914 überzeugt, daß Rußland das Ultimatum an Serbien nicht hinnehmen werde und zum Krieg gezwungen sei. Bilinski geht aber noch weiter und behauptet, Franz Joseph habe mit seiner Politik bereits seit der Skutarikrise 1913 bewußt auf den großen Krieg hingesteuert, wobei jedoch der Einfluß des Thronfolgers mäßigend gewirkt habe. K. bemerkt einleitend, daß es ihm bei seiner Studie nicht um die Schuldfrage gehe, sondern um die politische Willensbildung, im vorliegenden Fall eine eher sophistische Unterscheidung. Er sucht nach logischen Kategorien durch innere Kritik den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu ergründen, und neigt dazu, ihnen vollen Glauben zu schenken. Dabei geht er in seinem Eifer so weit, daß sich ihm auch die äußeren Zusammenhänge verwirren. So bezieht er z. B. die Angabe über eine Äußerung des Kaisers vom 19. Juli 1914, die sich (S. 12) auch für K. offensichtlich auf das Juliultimatum an Serbien bezieht, plötzlich (S. 15 f) auf das Oktoberultimatum von 1913, womit Franz Josephs angebliche Kriegslüsternheit für ihn schon zu diesem Zeitpunkt feststeht. Allgemein mag K.s scholastische Methode dem Juristen Zusagen, den Historiker führt sie nicht weiter. Eine Klärung der speziellen Frage ist nur nach Sichtung des umfangreichen vorhandenen Materials und nach Erschließung echter neuer Quellen möglich. Was bisher dazu vorliegt, deutet darauf hin, daß der Kaiser bei den Kriegsvorbereitungen eher ein retardierendes Element bildete: Es gibt Hinweise dafür, daß man ihn sogar im Interesse der Kriegspolitik der Ballhaus-Clique ungenügend informiert, wenn nicht bewußt getäuscht hat. Was die eigentliche Haltung des Thronfolgers betrifft, wäre eine genauere Untersuchung über die Begegnung mit Wilhelm II. in Konopischt, auf die auch, wie bemerkt, Fischer so nachdrücklich hingewiesen hat, von Bedeutung. Hier sollte doch wohl für die Zeit nach dem Tode Franz Josephs die Leitlinie für das Bündnis zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn abgesteckt werden. Mit diesem Bündnis für die Zeit von 1914 bis 1917 befaßt sich die Studie von Silberstein. Der Vf. verfügte über das gesamte österreichische wie deutsche Material. Die fleißige Arbeit zeitigte jedoch kein wesentlich neues Ergebnis. Hauptgebiet bleibt die diplomatische Geschichte, wobei er allerdings auch eingehend die Beziehungen der beiden Heeresleitungen zueinander untersucht. Demgemäß hat er in Wien neben dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv auch das Kriegsarchiv benützt. Ist die Zielsetzung der Arbeit an und für sich begrenzt, so ist S. noch bescheidener, indem er sich dabei auf ein Teilgebiet beschränkt, auf ein wichtiges zwar, aber nicht das wichtigste. Er untersucht praktisch nur Mitteilungen, Band 24 32