Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
THOMAS, Christiane: Neunter Österreichischer Archivtag 1971 in Innsbruck
Österreich 491 Die Provenienzen des Oberbergamtsarchivs (Waldamt Vordernberg, Amt Vordernberg, Kammergrafenamt Innerberg) sind im Landesarchiv auch durch Registraturreste dieser einzelnen Ämter vertreten, so daß ein Gegenstand zweifach zu überprüfen ist, soll er vollständig erfaßt werden. Auch in den Registraturen der übergeordneten Behörden der Wirtschaft, der innerösterreichischen- und der Hofkammer, lassen sich die gleichen Ordnungsprinzipien beobachten: Sichtlich schritt man, gezwungen „durch die Notwendigkeit der Betriebswirtschaft“ früh zur Anlage von Sachgruppen. Aufschlüsse könnten in diesem Zusammenhang von einer Geschichte der Systeme der Büroorganisationen in der Wirtschaft erwartet werden. Wenn alte Bestände heute Lücken aufweisen, ist nicht nur an unsachgemäße Vernichtung, sondern auch an geplante Skartierung zu denken. Das heißt: die Bewertungsgrundsätze sind einem Wandel unterworfen und werden sich weiterhin ändern. Den meisten österreichischen Archivaren kann, wenn sie allein auf sich gestellt sind, nicht die Entscheidung über Bewahrung oder Ausscheidung der Aktenfülle moderner Betriebsregistraturen abverlangt werden. Gleichgültig, welche Lösung für die Erhaltung wirtschaftlicher Archivalien angestrebt wird, ist es vorerst unbedingt nötig, Bewertungskriterien festzulegen und sie bekannt zu machen. Aus den zahlreichen Wortmeldungen zur Diskussion, die zu Mittag abgebrochen werden mußte und am Nachmittag wieder aufgenommen wurde, zeichneten sich als Grundtendenzen ab: Archivalien der Wirtschaft können autonomen, komplimentären wie auch subsidiären Charakter haben, d. h. sie sagen vorher Unbekanntes für spezielle Teilgebiete aus oder ergänzen bzw. ersetzen das oft fehlende Schriftgut staatlicher und sonstiger übergeordneter Instanzen. Die enge Wechselwirkung von Wirtschaftsarchiven und Forschung einerseits und die echte Beziehung von „klassischen“ und Wirtschaftsarchivaren andererseits ist nicht zu leugnen. Um nun mit Erfolg dieses Aktenmaterial aufzuspüren und in der Folge sicherzustellen, empfiehlt sich als Vorgangsweise die „Taktik der kleinen Schritte“: Persönlicher Kontakt mit einem oder dem anderen Firmeninhaber soll der Verständlichmachung der Wünsche von Wissenschaft und Forschung dienen. Dabei ist es geboten, die Sprache des Historikers derjenigen der Wirtschaftsfachleute anzupassen. Es ist nicht zu erwarten, daß wirtschaftlich Führende die Anliegen des Wirtschaftshistorikers und des Archivars kennen, geschweige denn von vornherein dafür Verständnis aufbringen. Schlagworte, Fachausdrücke unserer Disziplin sind hier fehl am Platz, wohl aber hat der Wünsche äußernde Wissenschaftler sich die Grundbegriffe der Wirtschaft anzueignen und zu versuchen, mit ihrer Hilfe die Aufmerksamkeit seines Gesprächspartners zu wecken. Gelingt es klarzumachen, daß anscheinend unbrauchbares, beschriebenes Papier dem Unternehmen von Nutzen sein, daß es Gewinn, Profit erzielen, mit einem Wort für die Firma arbeiten kann, ist eine positive Ausgangsbasis geschaffen. Ferner müssen hohe und höchste staatliche Stellen informiert werden, in erster Linie wohl das Forschungs- und das Handelsministerium. So soll-