Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

THOMAS, Christiane: Neunter Österreichischer Archivtag 1971 in Innsbruck

488 Archivberichte 1970 zugrunde gingen. Das von der Kammer initiierte Wirtschaftsarchiv böte zudem Firmen, denen nicht an der Schaffung eines eigenen Archivs gelegen ist, die Möglichkeit, ihre Materialien als Depot abzutreten. Der Wissenschaft wäre ferner mit Vervollständigung lückenhafter Archiv­körper durch Mikroverfilmung gedient. Gegenseitiger Erfahrungsaus­tausch, gegenseitige Information und Interesse des einen für den anderen kämen sowohl der Kammer wie der Forschung zugute. Bezüglich der Frage, ob allein die Kammern die Basis für die Wirt­schaftsarchive liefern sollten oder ob eine staatliche Beteiligung in Erwä­gung zu ziehen wäre, entschied sich Mosser aus „organisatorischen Grün­den“ und in Hinblick auf die Fühlungnahme der Kammern mit den einzelnen Firmen für eine Gemeinschaft der Kammer der Gewerblichen Wirtschaft mit anderen freien Wirtschaftsverbänden, wenn auch eine staat­liche Teilinitiative den Vorteil eines finanziellen Lastenausgleichs mit sich brächte. Sein Schlußwort drängte auf die „vordringlichste Erwartung auf Seiten der Wissenschaft“, in absehbarer Zeit Wirtschaftsarchive auf­zubauen. Aus seiner 25jährigen praktischen Beschäftigung mit wirtschaftsge- schichtlichen Quellen in Kärten berichtete Hochschuldozent Dr. Karl Dinklage, Archivar am Kärntner Landesarchiv (Klagenfurt), (Wirt­schaftsarchive als historische Quellen) und „verlebendigte so“ — nach der Würdigung durch Zittel — „das theoretische Gerüst“. Zunächst ist für Kärnten festzuhalten, daß seine Landesarchivare schon seit ca. 1880 erfolgreich bemüht waren, Archivgut aufgegebener Werke, das sonst verloren gegangen wäre, durch Überführung in die Archive des Geschichtsvereines und des Landes zu retten. Allerdings handelte es sich in jedem Fall um Bergbauunternehmungen. Die Erhaltung von Archiven jeder Art von wirtschaftlichen Betrieben befürwortete erst Ende des ab­gelaufenen Jahres ein Rundschreiben der Wirtschaftspolitischen Abteilung der Kammer der Gewerblichen Wirtschaft für Kärnten, das die Änderung der Skartierungsvorschriften und die Archivierung wichtiger „schriftlicher Erledigungen aus Vergangenheit und Gegenwart“ von geschichtlichem Wert und Beweiskraft in Muster- und Patentstreitigkeiten nahe legte, seine Empfehlungen aber durch den abschließenden Satz, daß eine Dis­kussion über die Errichtung eines eigenen Wirtschaftsarchivs noch „ver­früht“ sei, wieder umstürzte. Wenn auch die Handelskammer Kärnten durchaus Interesse für die Geschichte der gewerblichen Wirtschaft bekun­det und Dinklage mit der Abfassung diesbezüglicher Publikationen be­traute, wurden ihre älteren Akten doch verheizt oder als Altpapier ver­kauft. Erst jetzt beginnt sich ein Umschwung im Denken maßgebender Funktionäre der Kammer abzuzeichnen. Immer noch ist der Landesarchivar am besten geeignet, Firmenarchive aufzuspüren und sie zu sichern. Landeshistoriker und Landesarchivare wissen zumeist sehr gut über ältere Aktenschätze Bescheid. Die Handels­kammern könnten für den Nachweis solcher Firmen ihre Unterstützung leihen. Da zudem auch das Quellengut zur Geschichte der Bauern und Arbeiter nicht aufgegeben werden darf, bietet sich das Landesarchiv als die zentrale, alle Zweige der Wirtschaft umklammernde Depotstelle an.

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