Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
THOMAS, Christiane: Neunter Österreichischer Archivtag 1971 in Innsbruck
486 Archivberichte Denkmalamtes in Münster vorgebracht wurden, sind ebenso maßgebend für den Wirtschaftsarchivar. Das Erziehen beinhaltet, daß der Archiveigentümer auf die Bedeutung seines Besitzes hingewiesen wird, wobei eine Motivierung aus der Sicht der Geschichte nicht möglich ist, sondern die betriebliche Notwendigkeit („das Wirtschaftsarchiv ist das Gedächtnis der Wirtschaft“) betont werden muß. Das Erfassen aller nur irgend erreichbarer Archivaliensammlungen bildet die zweite wichtige Forderung an den Wirtschaftsarchivar. Das Erhalten macht das Wirtschaftsarchiv zu einem Sammelbecken gefährdeter Archivkörper, wie es am erfolgreichsten das Wirtschaftsarchiv im Haag widerspiegelt, wo Archivgut gescheiterter Firmen auf bewahrt wird. Ähnlich ist es im Stadtarchiv Antwerpen: Hier gibt es ein „Archiv der Bankrotteure“. Auf dem Gebiet der Erhaltung heißt es in Koppelung mit der Erziehung der Wirtschaft eine ihr nicht geläufige Erklärung von Archivierung beizubringen, die sich keineswegs nur auf die sieben bis zehn vom Gesetz erzwungenen Jahre erstrecken darf. In Zusammenhang damit muß die Bedeutung der Wertermittlung von Schriftgut als Aufgabe des Archivars unterstrichen werden: Das Ausscheiden von Ballast ließe sich auch als „negativer Archivalienschutz“ definieren. Die Erschließung sorgt für weitere Problematik, da heute der Behandlung als Verlaufgeschichte von der Strukturgeschichte der Rang abgelaufen wird, deren Methoden — was ihre praktische Umsetzung in Skartierungsregeln betrifft — dem Berufsarchivar noch nicht in ausreichendem Maße selbstverständlich sind. Zusammenfassend betonte Goldinger die Dringlichkeit, mit der Wirtschaft in anderer Weise als durch Anführung des historischen Standpunktes — an einem Chronisten ist die Wirtschaft nicht interessiert — Kontakte aufzunehmen. Da in Österreich die Einzelfirmen zu klein sind, scheint es geraten, die Handelskammern „anzupeilen“, um so die Basis für eine Archivberatungsstelle zu schaffen. Dieses Kuratorium sollte von staatlicher Seite mit einer „lebenden Subvention“ in Gestalt eines „Wanderarchivars“ unterstützt werden, dem die Obsorge für die einzelnen Betriebe anvertraut ist. Um mit Wirtschaftsleuten ins Gespräch zu kommen, empfahl Goldinger die „Taktik der kleinen Schritte“ — eine Formulierung, die in der Diskussion fast zum Schlagwort wurde. Dr. Alois M o s s e r, Assistent am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Universität Wien, knüpfte mit der Frage Was erwarten Wissenschaft und Forschung in Österreich von Wirtschaftsarchiven? an den von Goldinger vorgebrachten Terminus der Erschließung an. Solange die um 1900 hochschulreif gewordene Fachrichtung der Wirtschaftsgeschichte rein deskriptiv die Kenntnis wirtschaftlicher Zustände vermittelte, genügten die in staatlichen, Länder- und Gemeindearchiven erhalten gebliebenen Akten als Quellengrundlage. Sie müssen mit der geänderten Zielsetzung, Strukturgeschichte zu bieten, versagen, da das hiezu nötige Schriftgut seit dem mit Maria Theresia und Joseph II. praktizierten Prinzip der Liberalität Privateigentum der Wirtschaft geworden war. Die großen Verluste auf diesem Sektor stellen die Forschung vor die größten Schwierigkeiten, wenn es darum geht, das Zeitalter der technischen Revolution nachzuzeichnen. Um zu retten, was noch zu retten ist, hat das „fallweise Über