Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver
Das Credo der Wissenschaft 481 „jetzt viel durch Physik, Chemie und Mathematik wissenschaftlich erklärt werden, wo früher ein Akt Gottes angenommen wurde. Aber sicherlich wird immer ein unerklärter und unerklärbarer Rest bleiben, eine Unendlichkeit, die wir niemals verstehen werden.“ Doch die Annahme eines Gottes war „nur eine Annahme des menschlichen Geistes, sie erklärt nichts, sie ist eine Verneinung jeder Erklärung ...“. Der Mensch muß Gutes tun aus ihm angeborenem und durch Erziehung eingeimpftem Mitgefühl mit seinen Mitmenschen hier auf Erden. Ohne die „psychologische Energie, die aus dem Gebet kommt“, zu unterschätzen, jedoch die Existenz einer von den Hirnfunktionen unabhängigen Seele oder die Willensfreiheit leugnend, gab er zu bedenken, daß „es zwischen dem durch Milieu bedingten und durch Veranlagung und Neigung verursachten Verbrechen viele Stufen gibt und daß in einigen Fällen Bestrafung und Furcht für das Individuum eine Hilfe sein können.“ Mit dem Hinweis unter anderem darauf, daß die Gesellschaft das größte Interesse daran hat, Verbrecher an ihrer Fortpflanzung zu hindern, berichtete er über „harmlose“ medizinische Operationen, gab aber zu: „Wir stehen erst am Anfang einer Wissenschaft von der Rassenverbesserung, dennoch wäre sie von größter Bedeutung für die Menschheit“ 50). Für Gott oder Offenbarung läßt auch die Argumentation des französischen Physikers Charles-Edouard Guillaume nicht viel Raum. Er betrachtet den Glauben an einen bärtigen persönlichen Gott als Überbleibsel eines Zeitalters, das den Regenbogen als Zeichen des Wohlwollens eines höchsten Wesens und die Erscheinung von Blitz und Donner als Zeichen für Jupiters Zorn ansah. Die Idee der Offenbarung muß Illusionen und sogar Träumen zugerechnet werden: „Es hat niemals Beziehungen und Mitteilungen irgendeines Gottes mit den Menschen gegeben.“ Man sieht sich fast unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenüber, wenn man versucht, den Menschen mit seinen Organen und Denkprozessen und seinem schöpferischen Geist aufgrund einer Entwicklungstheorie oder als einen Schöpfungsakt zu erklären. Guillaume gibt zwar zu, daß es zur Zeit unmöglich ist, viele Erscheinungen zu erklären, hofft aber doch, daß viele der heutigen Geheimnisse in der Zukunft eine rationale Erläuterung finden werden. Andrerseits wird das Problem nur verdrängt, nicht gelöst, wenn man die Erschaffung des Menschen der persönlichen Intervention eines allmächtigen Wesens zuschreibt. Die allgemeine Tendenz zielt dahin, alle unsere Beobachtungen durch das Zusammenspiel physikalischer Phänomene zu erklären. Zugunsten der gegenteiligen Ansichten fand Guil50) Báránys Zwiegespräch, fünf Seiten lang in dichter Maschinschrift, ist in einem Schreibheft erhalten, in welches, vermutlich auf Milton M. Schayers Anweisung, Abschriften und englische Übersetzungen der Korrespondenz eingetragen wurden. Mitteilungen, Band 24 31