Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver
482 George Bárány laume nur „die sehr schwache Wahrscheinlichkeit, die man philosophischen Zweifel nennt“ 51). Vielleicht am deutlichsten drückt den Widerspruch zur Grundeinstellung der Schayer’schen Umfrage eine handgeschriebene Postkarte aus dem Schwedischen Nobelinstitut von dem Chemiker Svante Arrhenius aus. Wie Otto Meyerhof war auch er verärgert über den 1925 in Dayton, Tennessee, abgehaltenen „seltsamen Affen-Prozeß“, der das Lehren von Darwins Evolutionstheorie an den öffentlichen staatlichen Schulen verbot und den man in Europa als „den lächerlichsten Gerichtsfall der Gegenwart“ be- zeichnete. Anders jedoch als der deutsche Gelehrte, der der Literarischen Gruppe riet, die Kant’sche Philosophie zu studieren, „da hier der Streit zwischen Naturwissenschaft und Religion in völlig befriedigender Weise geschildert ist“, sandte Arrhenius „seine aufrichtigen Grüße an die ein oder zwei Ärzte, die eine mechanistische Welt postulieren“, und betonte: „Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn sie mir mit einigen Zeilen freundlich bestätigen wollten, daß sie gehört haben, daß ich ihrer Meinung bin.“ Als Antwort auf den Brief von Schayer faßte der schwedische Naturwissenschaftler seine Ansicht wie folgt zusammen: „Wir haben den angeborenen Wunsch, jedem Prozeß, den wir beobachten, eine Erklärung zu geben. Mit anderen Worten, wir möchten zwischen den verschiedenen, von uns beobachteten Tatsachen einen Zusammenhang finden. Selbst die höheren Tiere besitzen diesen Wunsch nach einer (bewußten) Vergangenheit. Er ist die Quelle aller Entdeckungen der Menschheit und damit der Zivilisation. Außerdem ist es unmöglich, Beobachtungen aus vergangenen Zeiten zu verstehen, wenn wir nicht annehmen, daß die Naturkräfte, die keineswegs ,furchtbar“, sondern für unsere Existenz notwendig sind, immer dieselben gewesen sind, die sie heute sind. Dieses Gesetz sowie die Unzerstörbarkeit der Materie und der Energie sind durch die Erfahrung so gut erhärtet, daß diese drei Gesetze die Grundsteine der herrschenden Naturphilosophie bilden. Wenn Sie das eine ,mechanistische Weltanschauung“ nennen, so muß ich sagen, daß jeder Naturwissenschaftler eine solche mechanistische Anschauung hat und haben muß. Andererseits ist Gedankenfreiheit das elementarste Recht jedes Bürgers. Die Unterdrückung dieses Rechts hat die größten Katastrophen über die Menschheit gebracht“ 52). Als einziger unter all den Wissenschaftlern, die auf die Umfrage antworteten, versicherte Arrhenius Schayer: „Es steht Ihnen vollkommen frei, meine Antwort zu veröffentlichen“, und in einer Nachschrift wiederholt er diese Aufforderung: „Ich wäre wirklich dankbar, wenn Sie dieses Schreiben veröffentlichen, und hoffe in diesem Fall, daß Sie mir freundlicherweise eine Abschrift dieser Publikation zusenden.“ Nachdem er den ganzen verfügbaren Platz beschrieben hatte, kritzelte der schwedische Forscher noch entlang des langen Randes der Postkarte: „Wenn jemand eine Meinung unangebracht findet, sollte er mit Argumenten kämpfen, nicht mit Gewalt.“ 51) 1927 April 7, Orig, französisch. 52) 1927 April 8.