Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

480 George Bárány ben, die mir von meinen Vorfahren überliefert wurde und die ich meinen Nach­kommen weitergeben möchte“ 46). Ähnlich konnte der Botaniker John M. Coulter, Berater des Boyce Thompson Institute for Plant Research, „in dieser wundervollen, alles durchdringenden Energie, mit der wir täglich mehr und mehr vertraut werden, nicht mehr sehen als unseren materiellen Kontakt mit Gott. Das ist kein Pantheismus, sondern die Lehre von einem überall gegenwärtigen Gott; schwierig zu begreifen, weil unsere einzige Konzep­tion einer Persönlichkeit unvermeidbar auf Zeit und Raum beschränkt ist.“ Darüber hinaus behauptet er, daß „die mittelalterliche Theologie, was unsere Vorstellungen von Gott in der Natur betrifft, uns von der Bibel weggeführt hat; und daß das Studium der Natur uns dahin zurückgeführt hat, seine Macht über die Natur klar zu erkennen“ 47). Der Zoologe E. G. Conklin aus Princeton hielt es jedoch — unfähig, länger „die alte Orthodoxie in der ich aufgezogen wurde, anzuerkennen“ — vom rein pragmatischen Gesichtspunkt aus für „wesentlich, irgendeine Form des religiösen Idealismus aufrecht zu erhalten“. Er glaubte persön­lich, „daß dies ein Universum von Zielen und von Wegen (zu einem Ziel), von Teleologie wie von Mechanismus ist“ und erkannte an, daß „es einen Plan und einen Zweck gibt, der sich im Universum, in der organischen Evolution auf der Erde und in der Geschichte der menschlichen Rasse entfaltet. Ein derartiger Plan und Zweck arbeiten gemäß dem Naturgesetz und sind das, was ich meine, wenn ich das Wort Gott sage und höre.“ Er nahm aber auch an, daß „für die Mehrzahl der Menschen eine so philo­sophische Teleologie nicht genügt und daß für solche Menschen die alte Idee einer persönlichen Gottheit, eines großen Mannes im Himmel ebenso tröstlich und vielleicht ebenso hilfreich ist, wie der Glaube kleiner Kinder an einen wirklichen Heiligen Nikolaus; mit fortschreitender Kenntnis aber müssen wir zu der Erfahrung kommen, daß es bei diesen beiden Beispielen mehr auf den Geist als auf die materielle Verkörperung ankommt“ 48). Was Conklin als pragmatischen Kompromiß zwischen „der Notwen­digkeit eines religiösen Idealismus und einem wissenschaftlichen Realis­mus“ auf gef aßt haben mag, würde einer Gruppe von Gelehrten kaum genügt haben, die mit Schayers grundlegenden Postulaten über Gott und Religion nicht übereinstimmten. Aus Upsala schrieb der Nobelpreisträger, der aus Ungarn gebürtige Ohrenspezialist Robert Bárány: „Ich glaube auch, daß man die Jugend eine neue Religion lehren sollte, obwohl ich nicht mit Ihnen darin übereinstimme, daß es einen äußeren Einfluß wie die Vorsehung gibt, der die Welt regiert oder unsere individuellen Hand­lungen beeinflußt“ 49). Nach Báránys „neuer Religion“ kann, wie aus einem imaginären Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn ersichtlich ist, das er vielleicht in einem späteren Brief sandte, 4«) 1927 September 7, Orig, französisch. 47) 1927 April 4. «) 1927 März 31. 4») 1927 April 2.

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