Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver
Das Credo der Wissenschaft 479 Um seine These zu stützen, betonte er „den Gegensatz zwischen den orthodoxen Ansichten von Newton, Faraday, Maxwell, Cauchy und Pasteur einerseits und denen von Laplace, Lagrange, Helmholtz, Jacobi und Darwin auf der anderen Seite“ 42). Sir William H. Bragg von der Royal Institution bemerkte, daß die Gesetze der Physik „einen niemals versagenden Zusammenhang von Ursache und Wirkung zeigen“, und konsequenterweise „kein Beweis für einen ,direkten Einfluß' gefunden werden kann. Immer wenn sich etwas ereignet, das durch schon bekannte Regeln nicht zu erklären ist, fanden wir, daß wir nicht alle Regeln kennen .. Er gab jedoch zu bedenken, daß „die Physik immer zeigt, wie wenig wir wissen. Es ist äußerst dumm, dogmatisch zu sein; durch das alte Sprichwort, ,Der Narr hat in seinem Herzen gesagt, es gibt keinen Gott!“ wird die Situation sehr gut ausgedrückt.“ Er schließt seinen handgeschriebenen, zwei Seiten langen Brief mit dem Hinweis, daß „die Wissenschaft ein unerläßlicher Teil der Anlage des Menschen bei seiner großen Erkundung ist: sie prophezeit nicht, was auf der anderen Seite des Hügels ist“ 4S). „Ignoramus et ignorabimus“ waren in ähnlicher Weise die von Charles Richet (er gewann den Nobelpreis in Physiologie und Medizin im Jahre 1913) aus Paris gebrauchten Schlüssel Worte: „Man muß sich mit unserem kleinen Universum zufrieden geben, Gutes tun, die Gerechtigkeit achten, und versuchen, den Menschen zu dienen. Es gibt um uns Rätsel, die die Chemie, die Physik, die Biologie zumindest teilweise lösen können. Es wäre töricht, weiter zu gehen“ * 44). Der Chemiker Frederick Soddy, Nobelpreisträger aus Oxford, meinte: ......was die Welt des unbelebten Mechanismus betrifft ... bleibt kein Raum für den Glauben, daß ein persönlicher Einfluß am Werk ist“, da die Erscheinungen nachweisbar festgesetzten Gesetzen gehorchen. „Andererseits würde ich dazu neigen, die speziellen Lebenserscheinungen, die der unbelebten Welt übergeordnet sind, wie Auswahlserlebnis, Persönlichkeit, alle gewöhnlichen Wachstumsphänomene, Fortpflanzung und Entwicklung, eher mehr als ein Geheimnis zu betrachten, da (im Gegensatz hiezu) mechanistische Gesetze einer Klassifikation unterliegen. Auf diesem Gebiet steht es jedem noch offen, sich selbst eine Hypothese zu ersinnen oder an irgendeine Interpretation zu glauben, die ihm zusagt“ 45). Paul Sabatier, Mitglied der Französischen Akademie und auch ein Chemiker, sah keinen Widerspruch zwischen der modernen Wissenschaft und dem Gedanken an einen allmächtigen Gott, dessen unendliche Größe uns nicht erlaubt, das Wesentliche der Natur zu begreifen. In einem Brief, der etwas an die Antwort von Fritz Haber erinnert (und auch die Gedanken von Zeeman stützt), wies er darauf hin, daß er wünsche, an einen Gott zu glauben, „dieser so wohltuenden, atavistischen Vorstellung treu verbunden zu blei«) 1927 April 16. «) 1927 Juli 4. 44) 1927 August 29, Orig, französisch. «) 1927 März 30.