Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

478 George Bárány mit Äußerungen von Laien oder anderen wissenschaftlich nicht geschulten Persönlichkeiten, wie Politikern und Männern des praktischen Lebens, zu veröffentlichen 36). Andere Naturwissenschaftler waren skeptischer. A. L. Dean, Direktor der Versuchsstation der Ananas-Konservenhersteller und damals Präsi­dent der Universität von Hawaii, ein Chemiker, wußte keinen überzeu­genden Beweis für eine übernatürliche Kraft, die die Welt regiere und individuelle Handlungen leite oder beeinflusse. Er gab zu, daß die dies­bezüglichen Ideen im Brief von Schayer „weder undenkbar noch unver­nünftig seien“, fügte aber hinzu, „daß es keinen Beweis für sie gäbe und meiner Ansicht nach auch nicht geben könne“37). Der dänische Nobel­preisträger August Krogh, ein Physiologe, wies in einem einzigen Satze nur darauf hin, daß er „keine Meinung in dieser Angelegenheit anzubie­ten habe“ 38). Ähnlich lakonisch waren die Chemiker Francis W. Aston vom Trinity College in Cambridge, der sagte: „Ich habe die Angelegenheit überdacht und bin unfähig, Ihnen zu helfen“39), und A. A. Michelson aus Chicago, der behauptete: „Meine Aufmerksamkeit war hauptsächlich der wissenschaftlichen experimentellen Arbeit gewidmet, und ich sehe mich nicht in der Lage, über religiöse Fragen nachzudenken“ 40). Der Biologe Alexis Carrel, von Geburt Franzose, war hingegen von der Umfrage sehr beeindruckt, zeigte sie mehreren Personen und hatte „keinen Zweifel an der Notwendigkeit, eine konstruktive Bewegung ins Leben zu rufen“; er erbot sich mehrmals, mit Schayer persönlich zu diskutieren, „da es fast unmöglich ist, brieflich irgendeinen umfassenden Plan zu formulie­ren“ 41 *). Selbst unter den Vertretern desselben Fachgebietes gab es also bedeu­tende Meinungsverschiedenheiten. Der Physiker Pieter Zeeman aus Am­sterdam, auch ein Nobelpreisträger, gab zu, daß die in Schayers Brief angeschnittenen Themen „ohne Zweifel sehr wichtig sind und (daß) das Studium der Religionspsychologie, dessen man sich offenbar in Ihrer Lite­rarischen Gruppe bewußt geworden ist, höchst faszinierend (ist)“. Beson­deren Wert wollte er darauf gelegt wissen, daß „Männer der Wissenschaft, welche Ansicht sie auch immer über Gültigkeit oder Ungültigkeit bestimmter religiöser Glaubensrichtungen haben sollten, zu diesen Überzeugungen nicht durch ihre Studien der Mathematik, Physik, Astro­nomie oder anderer exakter Wissenschaften gelangt sind. Sie brauchen nur die Biographien einiger berühmter Forscher zu Rate zu ziehen, um sich selbst von der Richtigkeit dieser Feststellung zu überzeugen.“ 36) Briefe von 1927 Mai 13 und August 30, Orig, deutsch. 37) 1927 Oktober 6. 38) 1927 August 29. 3») 1927 Mai 2. 4«) 1927 März 16. 41) 1927 April 27; vgl. auch Carrels freundliche Briefe von März 29 und Mai 19.

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