Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

474 George Bárány über das tiefe Geheimnis der menschlichen Existenz zu formulieren. Ich glaube an einen guten Gott und hoffe das Beste für alle Wesen nach dem Tod“ 18). Einige Personen, die von Schayer angeschrieben worden waren, arbei­teten aus Zeitmangel nur indirekt mit, wie der Physiker Michael I. Pupin es tat, indem sie Sonderdrucke oder Referate ihrer eigenen oder anderer Werke sandten. Zu dieser Gruppe gehören auch Robert A. Millikan, der 1923 den Nobel-Preis in Physik gewonnen hatte, der Pädagoge und Philo­soph Nicholas Murray Butler19) und der Historiker Charles A. Beard. Der letztere z. B., der kurz vor einer Europareise Schayers Brief empfing und sich deshalb nicht in der Lage sah, an einem Symposium teilzuneh­men, empfahl die Schriften von E. W. Hobson, „bei deren Lektüre der altmodische Materialismus so bankrott aussieht, wie Miltons Bericht über die Schöpfung“ 20 21). Der Engländer Archibald V. Hill, der einen geteilten Nobelpreis in Physiologie und Medizin für seine Arbeit auf dem Gebiete der Thermodynamik der Muskelfunktion gewann, schrieb etwas ausführ­licher. Nebst Erwähnung einer Vorlesungsreihe, die er über das Thema gehalten hatte, warnte er vor Extremen: „Ich glaube sicherlich nicht, daß es widersprüchlich ist, eine Religion oder eine mystische Auslegung der Welt anzunehmen und gleichzeitig die Methoden und Anschauungen der Wissenschaft anzuerkennen. Nur Wirrköpfe, dogmatische Naturwissenschaftler oder religiöse Eiferer denken, daß zwischen der religiösen Auslegung der Erscheinungen und der wissenschaftlichen Beschrei­bung ihres Auftretens ein Widerspruch besteht.“ Aber er lehnte es ab, wie es auch Max Planck tat, die Veröffentlichung seiner Meinung zu gestatten, da „die Fähigkeit, mit technisch-wissenschaftlichen Problemen der Physik oder der Biologie umzugehen, nicht das Recht gibt, über religiöse oder philosophische Fragen, die man nicht eingehender studiert hat als Millionen anderer Leute, selbstherrlich zu urteilen ...“ 21). In ähnlicher Weise betrachtete der Mathematiker George D. Birkhoff von Harvard „die moderne Naturwissenschaft nur als den Anfang einer wunderbaren Entwicklung und nicht schon als eigentliche Antwort auf viele grundlegende Fragen. Inzwischen kann keine dogmatische Stellung zu Glaubensfragen mit irgendeinem Grad von Gewißheit eingenommen werden ...“ 22). Viele der Pädagogen, die auf die Umfrage antworteten, waren kate­gorischer als die Naturwissenschaftler. R. U. Penning, Dekan des Ameri­kanischen Instituts in Berlin-Charlottenburg, der sich selbst nicht als frommen Mann oder Kirchgänger betrachtete und willens war, Schayers 18) 1927 Oktober 11. 19) Briefe von Pupin, 1927 März 29; Millikans Sekretär, T. Howard, 1927 März 26; Butler, 1927 Oktober 17. 20) Beard an Schayer, 1927 September 19. 21) Hill an Schayer, 1927 April 4 und 28. Hervorhebung im Original. 22) Birkhoff an Schayer, 1927 März 29.

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