Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver
Das Credo der Wissenschaft 473 scheinen keine Antwort geschickt zu haben. Unter ihnen waren Albert Einstein, Mme. Curie, Niels Bohr, Ernest Rutherford, Ivan Pavlov und andere Größen der wissenschaftlichen Welt. Noch vorhanden sind jedoch 42 Originalantworten (in einigen Fällen zwei bis drei Briefe derselben Person) sowie die englischen Abschriften oder Übersetzungen der Briefe von weiteren 23 prominenten Persönlichkeiten. Statistische Angaben können natürlich irreführen, besonders in einer Angelegenheit so „delikater“ Natur. Viele Antworten waren unverbindlich: Manchmal können höfliche Platitüden ebenso beredt sein wie das Fehlen einer Antwort. Von den drei Mitgliedern des US Supreme Court (Oberstes Bundesgericht) wies einer, Oliver Wendell Holmes, bekannt für seine klaren und oft stark non-konformistischen Ansichten, auf seine Publikationen hin 13); William H. Taft, Oberrichter und früherer Präsident der USA, stellte ironisch fest, daß Schayer’s Umfrage „viel mehr Zeit und sorgfältigere Beachtung erfordern würde“, als er leisten konnte; „auch glaube ich nicht, daß ein von mir geäußertes Urteil eine Hilfe sein würde“ 14). Die Antworten von Schriftstellern waren weniger diplomatisch. Hilaire Belloc verfaßte ein Glaubensbekenntnis: „Ich kann nur erwidern, was jeder Katholik erwidern würde, nämlich, daß ich an einen persönlichen und allmächtigen Gott glaube. Ich weiß das aufgrund der Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche und aus meiner eigenen Einsicht“ 15). Nach des Meisters Anweisung schrieb der Sekretär von Bernard Shaw, „daß er, da eines seiner bekanntesten Bücher, Back to Methusalem, im Vorwort die Kontroverse zwischen den mechanistischen und den kreativen Revolutionären erschöpfend behandelt, aus Ihrem Brief entnimmt, daß Ihnen dieses Werk völlig unbekannt ist und er sich demnach nicht vorstellen kann, warum Sie Wert auf seine Meinung legen“ lß). Hendrik van Loon, ein populärer Autor und Publizist, schloß seinen ausführlichen und spitzfindigen Brief (dem er ein langes Postscriptum anfügte) mit den Worten: „Ich wünschte, meine Antwort wäre etwas mehr zu dem fraglichen Punkt. Aber nach vielen Jahren der Wanderung bin ich zum Ausgangspunkt des Descartes zurückgekehrt und ,de omnibus dubito“ noch mehr. Aber kann jemand ein erfolgreicher Bankier sein und Descartes lesen“ 17)? Knut Hamsun, der sich gerade von einer Krankheit erholte, war weniger zynisch: „Was die Frage in Ihrem Brief angeht, wage ich nicht — zumindest nicht in meiner gegenwärtigen Verfassung — den Versuch zu machen, meine Ansicht is) Holmes an Schayer, 1927 August 9. 14) Taft an Schayer, 1927 August 10. 15) Belloc an Schayer, 1927 September 15. 1«) 1927 Oktober 6. 17) 1927 Oktober 10.